Ten Years

Kwok Zune / Wong Fei-pang / Jevons Au / Chow Kwun-Wai / Ng Ka-leung | 2015 | 104 Min. | ZH/en
06.01.2022 | Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden | 20.00 Uhr | Facebook Event

Dystopische Gesellschaftsentwürfe, die von der Realität eingeholt werden? 2015 entwarfen fünf Filmschaffende aus Hong Kong fünf Szenarien über den Zustand ihrer Stadt in zehn Jahren. Der Film- und Referatszyklus «royalscandalcinema» startet am 6. Januar 2022 mit der brandaktuellen Filmkompilation «Ten Years» und einer Einführung durch die Sinologie-Professorin Andrea Riemenschnitter ins neue Jahr.

2015 entwarfen fünf Filmschaffende aus Hong Kong in fünf Kurzfilmen fünf Szenarien über den Zustand ihrer Stadt in zehn Jahren: Ein Gangstertrio wird damit beauftragt, ein Attentat vorzutäuschen, um Anhängern einer «Law and Order» politische Legitimität zu verschaffen. Ein Liebespaar sammelt Fundstücke einer untergehenden Stadt, um deren Geschichte zu konservieren. Ein kantonesisch sprechender Taxifahrer kämpft um sein berufliches Überleben, weil von ihm plötzlich erwartet wird, Mandarin zu sprechen. Ein junger Mann verbrennt sich vor der britischen Botschaft. Die Kinder Hong Kongs schliessen sich den Roten Garden an und gehen gegen «Revisionisten» vor – unter anderem ein Lebensmittelhändler, der seine Eier als «lokal» bewirbt. Die Produktion des Films startete im Frühjahr 2015, nach den sogenannten Regenschirm-Protesten. Die Filmschaffenden zeigen ein pessimistische Entwicklung Hong Kongs unter wachsendem Einfluss Festlandchinas. Sie adressieren schulische Indoktrination, kulturelle Repression und politische Gewalt.

In Hong Kong wurde der «Ten Years» begeistert aufgenommen. Im November 2015 wurde er am Hong Kong Asian Film Festival gezeigt und erhielt den «Best Film Award». Die wenigen unabhängigen Kinos, die den Film zeigten, waren in den ersten Wochen ausverkauft. Als auch diese den Film aus dem Programm nahmen, sprangen zivilgesellschaftliche Organisationen ein und organisierten mehr als 150 Vorführungen im öffentlichen Raum, an Universitäten oder Kirchen. Das taiwanesische Taipei Film Festival programmierte «Ten Years» als Eröffnungsfilm im Juni 2016. Kritische Filmschaffende aus anderen Ländern nahmen das Konzept begeistert auf und produzierten im Rahmen einer panasiatischen Franchise analoge Kurzfilmkompilationen. So entstanden 2018 «Ten Years Taiwan», «Ten Years Thailand» und «Ten Years Japan».

In Festlandchina wurde der Film weniger wohlwollend wahrgenommen. Filmvorführungen wurden untersagt. Die von der Staatspartei kontrollierte Global Times beschuldigte die Filmschaffenden, Angstzustände verbreiten zu wollen; die politische Aussage des Films gleiche einem «psychischen Virus». Das chinesische Fernsehen, verzichtete auf eine Live-Übertragung des Hong Kong Film Awards. Zeitungen, die über das Festival berichteten, verschwiegen den Gewinnerfilm. Webseiten, die auf den Film verwiesen, wurden zensiert.

Anders als bei anderen Filmen im Programm von «royalscandalcinema» hält die Kontroverse um den Film nach wie vor an. Verschiedene Kommentator:innen meinen, die düsteren Visionen des Films seien von der Realität längst eingeholt worden. So zum Beispiel in Bezug auf die Einführung des umstrittenen «National Security Law». Der Produzent des Films meinte in einem Interview, die politische Repression in Hong Kong hätte derart schnell zugenommen, der Film hätte retrospektiv wohl eher «This Year» genannt werden sollen. Zusammen mit Andrea Riemenschnitter diskutiert «royalscandalcinema» über die politische Sprengkraft von «Ten Years».

Riemenschnitter ist Professorin für Moderne Chinesische Sprache und Literatur am Asien-Orient-Institut der Universität Zürich. Sie studierte Sinologie, Literaturwissenschaft und Soziologie in Bonn und Göttingen. Sie war Gastwissenschaftlerin an der Universität Heidelberg, an der Tsing Hua University in Beijing, an der University of California in Berkeley, Honorary Fellow an der Lingnan University in Hong Kong, Visiting Professor an der Bejing Normal University, Senior Research Fellow an der National University of Singapore und an der Kunstuniversität Linz und Marie Sklodowska-Curie Visiting Senior Research Fellow am FRIAS in Freibung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der modernen und zeitgenössischen chinesischen Literatur und Kunstgeschichte.