Faces of Death

John Alan Schwartz | 1978 | 104 Min. | EN/en | ab 18 Jahren
14.10.2021 | Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden | 20.00 Uhr | Facebook Event

Der Film- und Referatszyklus «royalscandalcinema» widmet sich am 14. Oktober 2021 dem äusserst selten auf Kinoleinwänden gezeigten «Faces of Death». Der Film reiht Darstellungen von sterbenden Menschen und Tieren aneinander, gibt einen dokumentarischen Stil vor, verwischt jedoch die Grenzen von Fiktion und Realität. Eingeführt wird der in vielen Ländern zensierte Streifen durch die Zürcher Anglistin Stella Castelli, die über die Ästhetik des Todes promovierte.

Ein fiktiver Pathologe führt seine Sammlung gefilmter Todesszenen vor, die mannigfaltigen «Gesichter des Todes». Die Szenen zeigen jeweils die letzten Augenblicke sterbender Menschen und Tiere. Darunter Hinrichtungen, Morde, Kriegsgräuel und Schlachthausaufnahmen. Bisweilen sind diese Bilder brutal und verstörend. Welche Sequenzen real und welche fiktiv sind, bleibt unklar. Bis heute wird darüber spekuliert. Ein am Film beteiligter Make-up-Artist meinte, dass rund 40 Prozent der Szenen fiktiv sind. Aufgrund seiner wirklichkeitsgetreuen Darstellung von Gewalt wurde der Film zumindest zeitweise verboten in Ländern wie England, Australien und Neuseeland. Damit hängt auch der Klassikerstatus des Films zusammen.

Als in den 1970er Jahren VCR- und VHS-Kassetten auf den Markt kamen und Videotheken wie Pilze aus dem Boden schossen, bildete sich auch eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich gerade jene Filme besorgte, die auf Kinoleinwänden nicht zu sehen waren. «Faces of Death» wurde wie eine Legende gehandelt, als prototypisches Beispiel eines viralen Videos, das durch Mund-zu-Mund-Propaganda und einen Hauch von Illegalität an Popularität gewann.

Dabei entstand auch so etwas wie ein Crossover von Undergroundkultur, aufkeimender Punk-Bewegung und Arthouse-Filmfans. Gleichzeitig kann festgehalten werden, dass sich Regisseur und Produktionsfirma leidenschaftlich an der Legendenbildung um «Faces of Death» beteiligten. So warben sie mit dem Prädikat «verboten in 46 Ländern» für den Film – als handle es sich dabei um ein besonderes Gütesiegel. Ob er tatsächlich in so vielen Ländern verboten wurde, bleibt offen. Sein mythenumwobener Status behält der Film auch über 40 Jahre nach seiner Veröffentlichung, wie ein Blick in Onlineforen und Filmlisten deutlich zeigt. Auch in Deutschland landete «Faces of Death» auf der Liste indizierter Filme. Gekürzte und geschnittene Versionen wurden jedoch für den Vertrieb als VHS oder DVD gerade in den letzten Jahren immer öfter produziert und zugelassen. Wobei die Kürzungen gerade nicht auf rechtliche Beanstandungen, sondern eher aus Straffungsgründen vorgenommen wurden. Kritische Sequenzen sind darin meist unzensiert erhalten.

Für Furore sorgte ein Gerichtsfall in den USA: Ein Lehrer einer kalifornischen Highschool zeigte den Film in seiner Klasse und soll Schülerinnen gezwungen haben, sich den Film gegen ihren Willen anzuschauen. Deren Eltern verklagten die Schule wegen Traumatisierung ihrer Kinder. Noch kurioser als die anschliessende Schadenersatzzahlung: Offenbar handelte es sich bei dem Lehrer um John Alan Schwartz.

Das Spiel mit dem Ruch des Verbotenen und die gezielte Skandalisierung sollte sich in ökonomischer Sicht als erfolgreiche Werbestrategie erweisen. Bei Produktionskosten von lediglich 450‘000 Dollar spielte der Film weltweit rund 35 Millionen Dollar ein. Mehrere Folgefilme wurden gedreht, teilweise unter der Regie von Schwarz. Zudem folgten diverse Nachahmungsprojekte, die sich explizit auf den «Faces of Death» bezogen und sich in dessen Tradition stellten.

Eingeführt wird der Film durch Stella Castelli, welche zum zweiten Mal einen Film im Rahmen von «royalscandalcinema» einführt. Sie ist Postdoc am Englischen Seminar der Universität Zürich. Nach einem Studium in Englischer Literatur, Linguistik, Fotografiegeschichte und -theorie wurde sie Koordinatorin des Doktoratsprogramms für «English and American Literary Studies». In ihrer Dissertation untersuchte sie die ästhetische Repräsentation des Todes im US-amerikanischen Literatur- und Filmschaffen, was sie geradezu prädestiniert, «Faces of Death» einzuführen.