Das Projekt «royalscandalcinema»

«Aufgabe von Kunst ist es heute,
Chaos in die Ordnung zu bringen.»
Theodor W. Adorno, 1951

Überblick

Das Projekt «royalscandalcinema» besteht aus drei Bereichen: Der Durchführung eines über acht Jahre angelegten Filmzyklus, der öffentlichen Wissensvermittlung über die Wirkung von Skandalisierungsprozessen und dem Erarbeiten eines umfassenden Sammelbands zur Geschichte des cineastischen Skandals.

Forschungsanliegen

Skandalisierungsprozesse sind, kultur- und sozialwissenschaftlich betrachtet, spannende Phänomene, da sich an ihnen empirisch aufzeigen lässt, wie verschiedene gesellschaftliche Akteure oder Akteursgruppen unterschiedliche, zueinander in Spannung stehende Weltbilder formulierten und diese in zuweilen hochemotionalisierter Form, diskursiv wie performativ, aushandelten.

Politische Subversion (oder als solche wahrgenommen politische Äusserungen), Kapitalismuskritik, Machtkritik, Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus, Bellizismus, Militarismus, Militärkritik, Religionskritik, blasphemische oder – je nach Perspektive – alternative Lesarten religiöser Doktrin, Geschlechterverhältnisse und -definitionen, explizite Darstellungen von Nacktheit, von sexuellen Praktiken (insbesondere solcher, die diskursiv als «deviant» kategorisiert wurden), von Behinderungen, von Geburt und Tod, von Ausscheidungen aller Art sowie von Gewalt in unterschiedlichen Formen, gegen Menschen wie gegen Tiere können als «Reizthemen» ausgemacht werden, um die sich Kontroversen um Filme und das Kino als öffentlichen Veranstaltungsort entfachten, in welchen gleichsam allgemeinere Fragen, etwa der Meinungsfreiheit, des «guten Geschmacks», der Freiheit der Kunst, der Zensur, des Jugendschutzes, der «Grenzen des öffentlich Zeigbaren» ausgehandelt wurden.

Jeweils am Beispiel eines spezifischen Films untersuchen die beteiligten Wissenschaftler*innen die am Film festgemachte Skandalisierung in ihrem historisch und kulturell kontingenten Kontext. Das Skandalon an sich wird dabei als Indikator für politische und religiöse, soziale und kulturelle Differenzierungsprozesse betrachtet. Das Projekt vereint eine Vielfalt an disziplinären Perspektiven und bemüht sich um einen geographisch wie zeitlich umfangreichen Untersuchungshorizont.

Film- und Referatszyklus

Die untersuchten Filme werden im Rahmen des Filmzyklus «royalscandalcinema» im Kulturlokal Royal in Baden – einem 1912 als Kino errichteten Gebäude und damit eine der ältesten Kinobauten der Schweiz – auf die Leinwand projiziert. Die am Projekt beteiligten Wissenschaftler*innen reflektieren vor der Filmvorführung in zwanzigminütigen Referaten die Bedeutung des gezeigten Films und seiner Skandalisierung, dessen historischen und kulturellen Kontext und dessen spätere Rezeptionsgeschichte. Anschliessend an die Filmvorführungen hat das Publikum die Möglichkeit mit den angereisten Referierenden in einen Dialog zu treten. Gezeigt wird ein Korpus von 80 Filmen aus den Jahren 1905 bis 2018, in Originalsprache und (wenn möglich) in unzensierter Fassung. Die Filmabende finden monatlich statt. Der Filmzyklus hat eine Laufzeit von Januar 2015 bis Dezember 2022. Basierend auf den Einstiegsreferaten verfassen die Referierenden gegen Ende des Zyklus jeweils einen eigenständigen Artikel zu «ihrem» oder «ihren» Filmen, die in einer mehrbändigen, multidisziplinären Edition gesammelt und publiziert werden. Unter den Referierenden befinden sich gestandene Professorinnen und Professoren, Post-Docs und Nachwuchswissenschaftler*innen, die an Universitäten in der Schweiz, in Deutschland, England, Kolumbien und den USA tätig sind.

Von der Subversion zur Skandalisierung

Dass sich «royalscandalcinema» zu einem Projekt mit einer Laufzeit von acht Jahren und einem Netzwerk von hochqualifizierten Fachleuten entwickeln sollte, war zunächst alles andere als gesetzt. Im Sommer 2013 hat Marc Angst, einer der Gründer des Kulturlokals Royal in Baden, zum ersten Mal Kontakt mit Martin Bürgin und Pascal Etzensperger aufgenommen und die beiden angefragt, ob sie Interesse hätten, an den Donnerstagen ein Programm zu «politischer Subversion» zu gestalten. Bürgin und Etzensperger haben seit 2006 für verschiedene Kulturprojekte zusammengearbeitet, etwa für das Festival des Arcs in Ehrendingen oder als Kuratoren der Filmreihe «Welcome to the Crisis!» im Rahmen von Project21 in Zürich. Von anarchistischem Theater ohne Regie über eine Reihe zu neuen Staatsformen hin zu einer Vorführung sämtlicher Filme, die Amos Vogel in seinem wunderbaren Buch «Film as a Subversive Art» zusammenstellte, wurden verschiedene Projekte erwogen. Die Vorstellung, im geschichtsträchtigen, ehemaligen Kino Royal einen Filmzyklus zu realisieren, überwog. Anders als bei Vogel sollten die gezeigten Filme allerdings nicht aufgrund von (selbst vorgenommenen) Klassifikationen (angenommener) subversiver Elemente ausgewählt werden, sondern aufgrund empirisch feststellbarer Skandalisierungsprozesse. Dabei spielt der Grundgedanke, dass dem Film per se keine Subversion und kein Skandal innewohnt, eine wichtige Rolle: Ein Film kann als subversiv wahrgenommen und entsprechend skandalisiert werden; anders als bei der Annahme einer dem Film inhärenten (zeitlosen) Subversion, wird der Fokus dabei auf die Skandalisierung des Films als (zeitlich und kulturell zu kontextualisierendes) Produkt sozialer Aushandlungsprozesse gelegt.

Vom Kino Radium zum Kulturlokal Royal

Das Kulturlokal Royal in Baden ist infrastrukturell wie thematisch ideal geeignet als Veranstaltungsort von «royalscandalcinema». Als Kino wurde das Haus zum Objekt medialer Skandalisierung, als Kulturlokal ist es ein eigentliches Skandalisierungsprodukt.

Als das «Kino Radium» in den 1910er Jahren erbaut werden sollte, entbrannte eine heftige Debatte über die Sittlichkeit von Lichtspielhäusern. Das katholisch-konservative Aargauer Volksblatt votierte im Mai 1912 gegen den Bau eines Kinos in Baden, da diese «Grossstadtpest […] die Scham ertöten und das Verbrechen verherrlichen würde.» Lehrer, Pfarrer und Politiker bekämpften das «Kinofieber» aus moralischen Gründen. Die Badener Stadtregierung verbot den Bau. Erst ein Entscheid des liberal-radikalen Aargauer Regierungsrats, der auf die Handels- und Gewerbefreiheit verwies, ermöglichte den Bau des ersten Badener Lichtspielhauses, das 1935 – übernommen von Eugen Sterk – in «Royal» umgetauft wurde.

Als Kino war das «Royal» bis zur Eröffnung des sanierten und umgebauten Kino Sterk im Jahr 2008 in Betrieb. Bis zum Verkauf an eine Investmentfirma konnte das Kino für Kulturanlässe – so etwas für das Animationsfilmfestival Fantoche – gemietet werden. Die neuen Besitzer hegten allerdings andere Pläne: In einem Abrissgesuch führten sie aus, dass das Gebäude 13 Parkplätzen weichen sollte. Dagegen formierte sich rasch Widerstand – der geplante Abbruch wurde zum Skandalon. Innert Wochenfrist zählte eine Facebookgruppe unter dem Namen «Kino Royal – Unser liebstes Kino lassen wir uns nicht nehmen» 200 Mitglieder. Aus einem Teil dieser Gruppe entstanden die IG Royal und der im Februar 2011 gegründete Verein «Kulturbetrieb Royal», der sich für den Erhalt, die Entwicklung und den Betrieb einer nicht gewinnorientierten Kulturstätte im ehemaligen Kino Royal einsetzte. In einer wechselvollen Geschichte mit neuerlichen Abbruchplänen und abgebrochenen Gesprächen, Unterstützung aus der Bevölkerung und der Kulturszene, Demonstrationen, rauschenden Festen, Katerstimmung, Personalrochaden und Neuformierungen, konnte der Kulturbetrieb Royal von einer temporären Zwischennutzung mit viel Konfliktpotenzial 2018 in ein langfristig gesichertes Kulturlokal mit einem Mietvertrag über 20 Jahre überführt werden.

Das Royal präsentiert sich heute als multimediales Kulturlokal mit charmanter Bar, das, nicht nur, aber auch, für Filmvorführungen genutzt werden kann. Es kann durch einen separaten Eingang barrierefrei besucht werden und ist mit entsprechender, barrierefreier Infrastruktur ausgestattet.

Kooperationen

Dem «royalscandalcinema»-Team ist viel an Kooperationen gelegen. Durch Gespräche und Begegnungen mit Referierenden und Hinweisen von Besucher*innen verändert sich die Liste der geplanten Filme kontinuierlich. Bemerkenswert ist auch die Beobachtung, dass sich zwar ein treues Stammpublikum gebildet hat, die grosse Mehrheit der Gäste «royalscandalcinema» aber aufgrund spezifischer Veranstaltungen besucht: Zu den beiden Deepa Mehta Filmen kamen zahlreiche Indologie- und Ethnologistudentinnen, zu Derek Jarmans «Sebastiane» ein vorwiegend schwules Publikum, zu Pier Paolo Pasolinis Teorema (interessanterweise) eine grössere Gruppe älterer italienischer Gewerkschafter. Zwischen Veranstalter*innen, Referierenden, Stammpublikum und variierenden Gästen entstehen spannende und bereichernde Begegnungen. Durch Kooperationen mit anderen Institutionen soll das bewusst gefördert werden. Mit der Berliner Riot Grrrl Punk-Band Respect my Fist zu «Baise-moi», der Basler Elektropunkband Das Pferd zu «Züri brännt» und einer Livevertonung des über drei Stunden dauernden Stummfilms «The Birth of a Nation» durch das Institute of Incoherent Cinematography (IOIC) hat «royalscandalcinema» zu musikalischen Interpretationen von Filmen aufgerufen. Im August 2018 war «royalscandalcinema» Gastveranstalter des einmonatigen Kulturprogramms «24h Shop» an der Zürcher Langstrasse (kuratiert von Blaublau und Perlaton). Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum Reformationsjubiläum im Oktober 2018 zeigte «royalscandalcinema» den in der Reformationszeit spielenden Film «Ursula»: Dabei besuchte die reformierte Pfarrerin von Baden das Skandalkino mit ihrer Gemeinde, bezog sich am darauffolgenden Sonntag in ihrer Predigt auf den Film und lud den Kurator der Filmreihe in den Gottesdienst zum gemeinsamen Gespräch über Skandal, Religion, Kirche und Bibel. Im September 2019 wird «royalscandalcinema» am internationalen Animationsfilmfestival Fantoche einen Block zu Skandal und Animationsfilm gestalten und Anfangs Oktober 2019 im Rahmen des Luststreifen Film Festival Basel einen skandalisierten Queer-Film zeigen.

 

Partner

AVINA STIFTUNG, ZÜRICH
Seit Beginn wird der «royalscandalcinema»-Filmzyklus finanziell durch die 1994 gegründete Avina Stiftung unterstützt, was uns etwa die Übernahme von Reisekosten für Referierende oder die Deckung von Filmrechten ermöglicht. Avina engagiert sich in vier Fördergebieten: Bildung, Kultur, Soziales und Umwelt. Ihre Leitgedanken im Kulturbereich beschreibt sie mit Worten, die ganz und gar die unsrigen sein könnten: «Kultur spiegelt gesellschaftliche Diskussionen und bietet Reibungsfläche zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.» Wir sind der Stiftung zu grossem Dank verpflichtet – und auch etwas stolz darauf, uns neben kulturellen Grössen wie dem Fumetto Comicfestival, der Fondation Beyeler, dem Haus Konstruktiv, dem Strauhof oder dem Fotomuseum Winterthur einzureihen.
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AARGAUER KURATORIUM, AARAU
Das Aargauer Kuratorium fördert und vermittelt Kultur im Kanton Aargau und Aargauer Kultur ausserkantonal seit der Schaffung des kantonalen Kulturgesetzes 1969. In der Sparte «Film» unterstützt das Aargauer Kuratorium Filmprojekte von Aargauer Filmschaffenden in der Entwicklung, Herstellung und Distribution, entrichtet individuelle Werkbeiträge, Atelieraufenthalte und Reisestipendien an Filmschaffende und spricht Programmbeiträge an filmkulturelle Veranstaltungen, um eine lebendige Kinoszene mit Programmkinos, kuratierten Filmreihen und spannenden Begegnungen zu erhalten. Seit 2018 fördert das Aargauer Kuratorium auch den «royalscandalcinema»-Filmzyklus.
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BUCHHANDLUNG LIBRIUM, BADEN
Decken sich die Leseratten des «royalscandalcinema»-Teams in Baden mit Büchern ein, sind sie alle im Librium anzutreffen. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler stellen ihr Sortiment nach persönlichem Geschmack, eigener Lektüre und mit viel Leidenschaft zusammen. Das merkt man. Seit Dezember 2017 besteht in der Filmabteilung des Libriums ein Büchertisch, der in Zusammenarbeit mit «royalscandalcinema» arrangiert wird. Dort finden sich passende Bücher und DVDs zur Vor- und Nachbereitung der Filmabende, weitere Werke der Referierenden und Flyer zu unserem jeweils nächsten Film. Gehen Sie vorbei und unterstützen Sie den lokalen Buchhandel!
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HUMBEL SPEZIALITÄTENBRENNEREI, STETTEN
Das Destillieren von hochwertigen Bränden hat in der Spezialitätenbrennerei Humbel Tradition. Seit 1918 wird in dritter Generation Schnaps gebrannt, importiert und exportiert. Das Humbel-Sortiment reicht von der Classic-Linie traditioneller Schweizer Schnäpse über Bio-Destillate und Fair-Trade-Spirituosen hin zum hochgelobten «Cuvée Lorenz Humbel». Besonders beliebt beim «royalscandalcinema»-Team und seinen Gästen sind die sortenreinen Obstbrände in all ihren Variationen. Man munkelt, es gäbe Referierende, die vor allem wegen Löhrpflaumen, Basler Langstieler, Hemmiker Kirsch, Rotem Williams und Konsorten so gerne nach Baden kämen.
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KULTURLOKAL ROYAL, BADEN
Das Kulturlokal Royal Baden ist unser Daheim. In einem wunderschönen Kino-Gebäude aus dem Jahr 1912 untergebracht, geht im Royal seit Herbst 2011 Monat für Monat ein lebendiges und mit viel Herzblut inszeniertes Programm über die Bühne: Mit Konzertnächten, Lesungen, Deutschkursen und Kaffee für Geflüchtete, Asylsuchende und Einheimische, Tanz, Installationen, Rapid Raves, Barabenden, Gelagen, Stadt-Labor-Debatten – und cineastischen Skandalen. Eine Kerngruppe und mehrere Co-Veranstaltungsgruppen organisieren, gestalten und verwalten das Haus und dessen Programm selbstbestimmt, ehrenamtlich und kommerzlos, der unabhängigen und alternativen Kultur zuliebe.
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