15. Februar 2018: Sweet Movie

SWEET MOVIE
[DUŠAN MAKAVEJEV, 1974, ORG/DE, 98 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Patricia Pfeifer (Filmwissenschaftlerin, Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Kot, Urin, Erbrochenes, Kapitalismuskritik, Pädophilie, Kommunismus, sexuelle Revolution und Mord: Dušan Makavejevs «Sweet Movie» projiziert unterschiedliche skandalträchtige Motive auf die Leinwand. Ein Genuss für Freund*innen skurrilen Humors, eine Abscheulichkeit für viele andere.

«Sweet Movie», eine internationale Co-Produktion aus dem Jahr 1974, war Makavejevs erster im Exil gedrehter Film – nachdem er das kommunistische Jugoslawien wegen «W. R. Misterije Organizma» verlassen musste.

Die Handlung folgt in zwei mehr oder weniger ineinander verflochtenen Strängen einer kanadischen Schönheitskönigin und einer gescheiterten kommunistischen Revolutionärin. Miss World 1984, die ihren Preis einem perfekt geformten Jungfernhäutchen verdankt, wird mit einem stumpfsinnigen texanischen Milliardär verheiratet (der erstaunliche Parallelen zu einem zeitgenössischen New Yorker Immobilienspekulanten und US-Präsidenten aufweist), der sie nach einer traumatisierenden Hochzeitsnacht allerdings verstösst. In einem Koffer verfrachtet sucht sie ihr Glück in Europa, mit dem mexikanischen Schnulzenstar El Macho in Paris, später in Otto Muehls gleichsam realexistierenden Wiener Skandalkommune. Derweil fährt Anna Planeta mit einem Frachtschiff voller Süssigkeiten und einem riesigen Pappmaché-Karl Marx am Bootsrumpf durch die Kanäle Amsterdams und verdreht dabei kleineren wie grösseren Jungen lasziv den Kopf. Zwischen die beiden Hauptstränge flocht Makavejev Filmsequenzen aus der nationalsozialistischen Propagandaproduktion ein, die zeigen, wie die Nazis Todesopfer des Massakers von Katyn untersuchen, instrumentalisiert als Agitation des Dritten Reichs gegen die Sowjetunion.

Den düsteren Themen zum Trotz gelang Makavejev mit viel Geschick ein Film voll von skurrilem Humor, der unweigerlich zum Schmunzeln führt.  Das Lexikon des internationalen Films urteilt über den Film: «In einer die Formen des konventionellen Erzählkinos sprengenden Episodencollage attackiert der Serbe Dušan Makavejev die weltweite Unterdrückung der Sinnlichkeit in kommunistischen wie kapitalistischen Gesellschaftssystemen: eine wüste, respektlose, programmatisch betriebene Tabuverletzung, die gleichermassen schockiert wie amüsiert.»

Mit seinen Darstellungen von Koprophilie, Emetophilie, impliziertem Kindsmissbrauch und Verwendung nationalsozialistischen Propagandafilmmaterials beschwor der Film allerdings eine Kontroverse auf, die in vielen Ländern zu Verboten führte.

Die Filmwissenschaftlerin Patricia Pfeifer führt den Film ein und kontextualisiert die darum entstandene Empörung. Pfeifer war Mitglied der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien der Universität München und forscht in Zürich zu Formen des Verstehens im ostmittel- und südosteuropäischen Kino. Im Rahmen der royalscandalcinema-Filmreihe referierte die Makavejev-Spezialistin im Januar 2017 bereits zu «W. R. Misterije Organizma».

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4. Januar 2018: Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.

DIE ERSCHIESSUNG DES LANDESVERRÄTERS ERNST S.
[Richard Dindo & Niklaus Meienberg, 1976, D, 99 Minuten]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Jakob Tanner (Emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit, Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Eine gerechtfertigte Kritik militärischer Klassenjustiz oder ein schmieriges kommunistisches Pamphlet? Der von Richard Dindo und Niklaus Meienberg gedrehte Dokumentarfilm über Ernst S., der im Zweiten Weltkrieg als Landesverräter hingerichtet wurde, erregte in den späten 1970er Jahren die Schweizer Öffentlichkeit – und scheint sie bis heute zu beschäftigen.

Der Film behandelt Leben und Tod von Ernst Schrämli, welcher 1942 im Alter von 23 Jahren wegen Landesverrats erschossen wurde. Er war der erste von 17 Männern, welche im Zweiten Weltkrieg durch die Schweizer Militärjustiz zum Tode verurteilt wurden. Ernst Schrämli wurde vorgeworfen, die Schweiz verraten zu haben, indem er einem deutschen Agenten einige Granaten und eine Skizze über Bunker- und Artilleriestellungen zugespielt habe.

Dindo und Meienberg hinterfragen die Sprengkraft dieser Geheimnisse, die so geheim nicht gewesen seien. Sie zweifeln die Verhältnismässigkeit des Todesurteils an und werfen die Frage auf, ob es im Zweiten Weltkrieg nicht gravierendere Fälle von Landesverrat gegeben habe.

Methodisch im Sinne der damals neuartigen «Oral History» spüren sie dem Leben von Ernst Schrämli nach. Durch Erzählungen von Verwandten und Bekannten erfährt das Publikum wie Ernst Schrämli aufgewachsen ist, wie ihn sein Umfeld erlebt und wahrgenommen hat, wie sie das Verbrechen und seine Ahndung aus ihrer Perspektive interpretierten. Parallel dazu wird ausgeführt, wie hohe Offiziere, Wirtschaftsmagnaten und Politiker mit den Nationalsozialisten sympathisierten und zuweilen konkret zusammenarbeiteten.

Dindo sieht den Fall «Ernst S.» – wie Niklaus Meienberg, auf dessen Reportage der Film aufbaut – als Beispiel dafür wie die Schweizer Militärjustiz im Sinne einer Klassenjustiz an einfachen Soldaten und Arbeitern Exempel statuierte, während auf der anderen Seite toleriert wurde, wie hochrangige, bürgerliche Offiziere, Politiker und Unternehmer Sympathien für das Dritte Reich hegten und sich durch Waffenhandel oder andere Kriegsgeschäfte bereicherten.

Die These dieser Reportage: Ein harmloses Verbrechen mit viel zu harter Bestrafung – Ernst S. als armer Sündenbock zur Ablenkung und Selbstvergewisserung der bürgerlichen Justiz. In der Schweiz der 1970er Jahre wurde diese Darstellung kontrovers aufgenommen. Bürgerliche Kritiker warfen Dindo und Meienberg «Manipulation», «geistigen Terror» und «Hinterhältigkeit» vor. Andere wiederum nahmen das Narrativ begeistert auf und forderten eine Dekonstruktion von Mythen wie Neutralität, Wehrhaftigkeit und Klassensolidarität.

Um diese Debatten zu verorten hat royalSCANDALcinema Jakob Tanner eingeladen, einen der besten Kenner der damaligen Zeit. Jakob Tanner ist emeritierter Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der neueren und neuesten Zeit am Historischen Seminar und an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich. Mit seiner Doktorarbeit zu «Bundeshaushalt, Währung und Kriegswirtschaft» setzte er 1986 selbst einen Meilenstein der kritischen Forschung zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Als Mitglied der «Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg», der sogenannten «Bergier-Kommission» führte er diese Arbeit fort. Weiter forscht und forschte er zur Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, zur Geschichte der Schweiz im europäischen Kontext, zur Wirtschafts-, Unternehmens- und Finanzgeschichte, zur Geschichte von Ernährung, Drogen und Psychiatrie. Mit der Eröffnung neuer Forschungsfelder wie auch durch seine pointierten Stellungnahmen als kritischer Intellektueller hat er die Schweizer Geschichtsschreibung seit den 1980er Jahren massgeblich geprägt. Anhand von «Ernst S.» wird royalSCANDALcinema über jenen – in seinen Worten – «schizophrenen Zustand der Schweiz im Zweiten Weltkrieg» diskutieren.

SRF Radiosendung zu Ernst S.
Radiosendung

 

21. Dezember 2017: Züri brännt

ZÜRI BRÄNNT
[Videoladen Zürich, 1980, D, 100 Minuten]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Dominique Rudin (Historiker, Basel)

Danach Konzert: Das Pferd | Elektropunk
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Strassenschlachten, Nacktdemonstrationen, gelebte Autonomie. Die Achtzigerjahre Bewegung erschütterte das Establishment und forderte Leben, Raum, Geld und zwar subito. Das hatte die Schweiz vorher noch nie gesehen und veränderte Zürich tiefgreifend. Eingefangen wurde das Ganze vom Videoladen Zürich – einer aus dem Publizistischen und Soziologischen Institut entstandenen Gruppe, die 100 Stunden Bildmaterial zu einem mitreissenden Videopamphlet zusammenschnitt. Eine Mischung aus Dokumentation, Satire und Musik in einer schäbigen, schwarz-weissen Punk-Ästhetik. Sogar die alte Tante an der Falkenstrasse fand einige lobende Worte dafür.

Schon während der Aufnahmen gab es Schwierigkeiten. Die Vorführung der Aufnahmen – ursprünglich für Forschungszwecke gedreht – wurde vom Erziehungsdirektor verboten, kurz nachdem ein neunminütiger Ausschnitt an der Vollversammlung der Bewegung gezeigt wurde. Das Verbot hatte aber bloss die Wirkung, dass sich viele Studierende mit der Achtzigerbewegung solidarisierten. Und nicht zu vergessen: der umstrittene Auftritt von «Herr und Frau Müller» im Staatsfernsehens, der bis heute als Lehrstück der Kommunikationsguerilla gilt.

Zusammen mit dem Basler Historiker Dominique Rudin zeigt royalSCANDALcinema ein radikal subjektives Zeitzeugnis, das nicht erklären will, sondern einfach nur sagt, wie es ist.

ZÜRI BRÄNNT

1980 döste Zürich bieder und brav vor sich hin. Das Nachtleben wurde knapp geduldet, war quasi tot, bis einige Bewegte alte Industriegebäude wie die Rote Fabrik besetzen und autonome Kulturzentren gründeten. Kulturgelder waren bloss für die elitären Betriebe wie das Opernhaus vorhanden, das für über 60 Millionen Franken saniert werden sollte. Während den Bauarbeiten wollte der Stadtrat die Stücke ausgerechnet in der Roten Fabrik aufführen. Als die Zürcher Jugend im Mai dagegen protestieren wollte, wurde sie von der Polizei rabiat vertrieben. Das Resultat: die Opernhauskrawalle. Die heftigsten Unruhen, die Zürich je erlebt hatte, und der Auftakt eines heissen Sommers voller politischen Aktionen.

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AFTER-SCREENING-KONZERT: DAS PFERD

Das Pferd liefern den Soundtrack zur gnadenlosen Party-Wut der heutigen Jugend. Punk ist tot und das Pferd tanzt auf seinem Grab. Achtung Verletzungsgefahr!

2. November 2017: Schatten der Engel

SCHATTEN DER ENGEL
[Daniel Schmid, 1976, D, 101 Minuten]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Raphael Rauch (Historiker und Journalist, Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Ein Jude in der Rolle des bösen Immobilienhais! Bereits Rainer Werner Fassbinders Theaterstück «Der Müll, die Stadt und der Tod» über die damalige Kaputtsanierung des Frankfurter Westends verursachte so viel Tumult, dass es zu dessen Lebzeiten nicht aufgeführt werden konnte. Von allen Seiten hagelte es Antisemitismus-Vorwürfe. Und dass ein Vorsitzender des jüdischen Zentralrats sich im Charakter wiederzuerkennen glaubte, stachelte die Diskussionen zusätzlich an. Als Fassbinder auch ein Filmdarlehen verweigert wurde, sollte sich sein Regiefreund Daniel Schmid um die Verfilmung der Geschichte kümmern. Viel mehr Glück hatte dieser mit dem Stoff jedoch auch nicht. Die israelische Delegation verlangte, dass «Schatten der Engel» von Filmfestival Cannes ausgeschlossen würde und bald darauf verschwand das an den Kinokassen erfolglose Werk in den Filmarchiven.

Dabei wollte Fassbinder in seinem Stück unter anderem gerade darlegen, in welchem gesellschaftlichen Klima Antisemitismus wieder aufblühen kann. Was Schmid dann auch mit schemenhaften Protagonisten umsetzte. Stellvertreter für bekannte Stereotypen innerhalb des Systems: der korrupte Politiker, die schöne Hure, der alte Nazi,… Doch der «reiche Jude» war für die fragile Identitätssuche Deutschlands 30 Jahre nach dem Krieg zu viel.

Dennoch bleibt «Schatten der Engel» ein Meilenstein der Deutschen Filmgeschichte – als ein gescheiterter Versuch die historische Schuld mit der damaligen deutschen Realität zusammenzubringen. Ein Versuch, den royalSCANDALcinema gemeinsam mit dem Historiker und Journalisten Raphael Rauch gerne wieder aufnimmt.

SCHATTEN DER ENGEL

Lily Brest – schön, zerbrechlich, lungenkrank – geht auf den Strich, meist vergeblich. Eines Tages taucht der «reiche Jude» auf – Immobilienspekulant, Freund des Polizeipräsidenten – und bezahlt Lily fürs blosse Zuhören 1000 Mark. Ein Betrag, der Raoul, ihr Zuhälter und Freund verzweifeln lässt. Auf den Rat des «reichen Juden» spezialisiert sich Lily aufs Zuhören und gewinnt als Müllschlucker der Mächtigen selbst an Reichtum und Macht. Ein Zustand, den Raoul nicht aushält.

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26. Oktober 2017: Jud Süss

JUD SÜSS
[Veit Harlan, 1940, D, 98 Minuten]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Daniel Wildmann (Direktor des Leo Baeck Institutes für Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums in London und Professor für Geschichte an der Queen Mary, University of London)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Als Veit Harlan 1954 das zweitletzte Negativ seines Films «Jud Süss» in Zürich offiziell verbrannte und damit allfälligen Käufern entzog, wollte er einen Schlussstrich unter eine jahrelange Geschichte setzten. Denn für seinen Film stand der Regisseur nach dem Ende des Dritten Reichs zweimal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter Anklage. Harlan zwar wurde freigesprochen, da er geltend machte, «Jud Süss» unter Zwang realisiert zu haben. Dies hinderte Kritiker jedoch nicht, auch danach zum Boykott gegen den ehemaligen Nazi-Starregisseur aufzurufen. Ähnlich erging es den Hauptdarstellern, die mit Berufsverbot belegt wurden und sich Entnazifizierungsverfahren unterziehen mussten.

Auch wenn nicht gerichtlich verurteil, lud Harlan mit seinem für Nazi-Propaganda-Minister Goebbels produzierten Film einige Schuld auf sich. Insgesamt 20 Millionen Deutsche sahen «Jud Süss», der unter dem Deckmantel einer historischen Geschichte gezielt die Minderwertigkeit der «jüdischen Rasse» suggeriert und Juden stets als strenggläubige, geld- und machtgierige oder zerlumpte Personen darstellt. Zudem verdreht der Film bewusst Tatsachen, um dadurch die Rassengesetze historisch zu begründen – so wurde beispielsweise eine Vergewaltigung einer Christin durch Jud Süss in die Handlung eingeflochten, um so die «Rassenschande» als ein zentrales Motiv zu installieren. Somit eignete sich der Film nicht nur für Sondervorführungen für Soldaten oder die Hitler-Jugend, sondern wurde gezielt in Gebieten gezeigt, in denen Deportationen geplant waren, um die Bevölkerung massenmedial auf diese vorzubereiten.

Zusammen mit Daniel Wildmann, Professor für Geschichte an der Queen Mary, University of London und Direktor des Leo Baeck Institutes für Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums in London widmet sich royalSCANDALcinema einem der verheerendsten Propaganda-Machwerke der Geschichte.

JUD SÜSS

Trotz des herrschenden Judenbanns gelingt es dem Finanzmann Joseph Süss Oppenheimer – ein Jude, der sämtliche antisemitischen Stereotypen in sich zu vereinen scheint – zum Finanzrat des Herzogs Karl Alexander aufzusteigen. Seine rigide Steuerpolitik ermöglicht dem Herzog und ihm zwar ein luxuriöses Leben, lässt die Unzufriedenheit im Volk aber stetig wachsen. Seine Beliebtheit steigert sich auch nicht, als Jud Süss erfolglos um Dorotheas Hand anhält und als Rache für die Abweisung ihren Vater, der dem Aufstand angehört, verhaften lässt.

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28. September 2017: Irréversible

IRRÉVERSIBLE
[Gaspar Noé, 2002, F/d, 97 Minuten, ab 18 Jahren]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Susanne Kappesser (Filmwissenschaftlerin und freie Autorin, Berlin)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Aus welchem Grund sollte man sich ein Film mit neunminütiger Vergewaltigungs-szene und exzessiver Brutalität zumuten? Eine Frage, die sich auch das Publikum bei der Premiere von «Irréversible» in Cannes stellte. Reihenweise verliessen die Gäste die Vorstellung, einige fielen aufgrund des Gezeigten gar in Ohnmacht. Die Radikalität des Films spaltete die Kritiker darauf in zwei Lager. Während die einen bloss brutalen, unmenschlichen Leerlauf entdeckten, lobten die anderen den Film als tiefgründiges Statement über die menschlichen Abgründe unserer vermeintlich sicheren Zivilisation.

«Irréversible» startet mit der Attitüde eines Überfallkommandos, die das Publikum in den ersten Minuten in einen gewaltigen Strudel zieht, ihm heftige Magenschläge verpasst, bevor sich dieses ansatzweise einen Reim auf die Geschichte machen kann. Erst mit der Zeit enthüllt der rückwärts erzählte Rape-Revenge-Movie im schonungslosen Arthouse-Stil die Hintergründe der Taten seiner «Helden», mit denen man sich aufgrund des abscheulichen Anfang jedoch nie echt identifizieren mag.

Ob sich diese bildgewaltige Zumutung nun lohnt, klärt royalSCANDALcinema zum Saisonauftakt zusammen mit der Berliner Autorin und Filmwissenschaftlerin Susanne Kappesser.

IRRÉVERSIBLE

Auf der Suche nach dem Transen-Zuhälter La Ténia stürmen Marcus und Pierre überhitzt die Katakomben des SM-Schwulenclubs «Rectum». Die Szene eskaliert und bald liegt Marcus ausgeliefert, mit gebrochenem Arm am Boden. Mit einem Feuerlöscher drischt Pierre auf den Angreifer ein, bis dessen Gesicht nur noch blutiger Brei ist. Ähnlich heftig wurde Alex – Marcus Freundin – zugerichtet, als La Ténia sie in einer Unterführung brutal vergewaltigt und ins Koma geprügelt hatte. Szene für Szene spult der Film zur Idylle vor dem Rachetrip zurück.

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11. Mai 2017: Kids

KIDS
[Larry Clark, 1995, E/d, 91 Minuten, ab 16 Jahren]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Daniel Knuchel (Sprach- & Literaturwissenschaftler, Universität Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Es war eine raue Welt, die der frühere Fotograf Larry Clark in seinem Erstlingswerk präsentierte: die New Yorker Jugendszene der 1990er-Jahre, mit Partys in verlassenen Gebäuden, Gewalt, Drogen und Sex. Die Geschichte kompromisslos authentisch, in nur zwei Wochen mit Laienschauspieler von der Strasse und einer einfachen Handkamera abgedreht. Ein Weckruf an die moderne Welt, der heikle Themen wie HIV in der Sprache der Teenager darstellt und in Cannes gefeiert wurde.

Doch nicht alle glaubten an Larry Clarks aufklärerische Absicht. In den USA wurde der Film von manchen Zeitungen als voyeuristisches Werk mit pornographischen, ja gar pädophilen Zügen gebrandmarkt und erhielt auch eine entsprechende Altersfreigabe. In der Folge stiess der Disney-Konzern die Verleihrechte des Films ab, da ihm die Reaktionen für sein familienfreundliches Image zu heiss wurden.

Doch steckt in «Kids» tatsächlich mehr als jugendliches Imponiergehabe und Skandal heischende Schlagzeilen? Zum Saisonabschluss nehmen royalSCANDALcinema und der Sprach- & Literaturwissenschaftler Daniel Knuchel diese cineastische Schocktherapie genauer unter die Lupe.

KIDS

Durch New York streifen, klauen, kiffen, saufen und sich prügeln – für die Teenager Telly und Caspar ein Tag wie jeder andere. Doch am anderen Ende des Distrikts erfährt Jenny, dass sie HIV-positiv ist. Da sie erst mit Telly geschlafen hat, muss er sie angesteckt haben. Und während sie die Millionenstadt verzweifelt nach ihm abklappert, hält der selbsternannte Jungfrauenjäger bereits Ausschau nach der nächsten Eroberung.

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6. April 2017: Wehrhafte Schweiz | Ormenis 199+69

Wehrhafte Schweiz
[John Fernhout, 1965, D, 22 Min.]

Ormenis 199+69
[Markus Imhoof, 1969, D, 27 Min.]

Bar 19:30 | Referate und Filme ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführungen: Thomas Schärer (Filmhistoriker, Zürcher Hochschule der Künste) und Rudolf Jaun (em. Professor für Geschichte, ETH & Universität Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Es war nicht einfach, in den 1960er-Jahren einen Film über das Schweizer Militär zu drehen. In Zeiten des kalten Krieges und der geistigen Landesverteidigung war die hiesige Armee mit einer halben Million Miliz-Soldaten eine heilige Kuh und Teil der nationalen Identität. Dies mussten auch John Fernhout und Markus Imhoof erfahren.

In «Wehrhafte Schweiz» liess John Fernhout die Schweizer Armee aus allen Rohren schiessen. Fliegerangriffe, Explosionen und rasante Kamerafahrten sollten die Besucher der Expo 64 in den Bann ziehen. Das Werk wurde von verschiedenen Seiten kritisiert, unter anderem weil in dem actionreichen Film die Miliztradition komplett unterging. Wirklich skandalträchtig war aber die Tatsache, dass ein ausländisches Filmteam den Streifen umsetzen sollte. Das Parlament fürchtete, dass strategische Militärgeheimnisse preisgegeben würden, und die Schweizer Filmschaffenden fühlten sich um einen lukrativen Auftrag geprellt. Trotz allem Tumult wurde der Film an der Expo 64 ein Publikumserfolg und in der Kategorie «Bester Kurzfilm» gar für den Oscar nominiert.

Schlimmer erging es Markus Imhoof, der sich als ehemaliger Kavallerie-Unteroffizier im Dokumentarfilm «Ormenis 199+69» den Schweizer Reitertruppen annahm. Dies zu einer Zeit, in der diskutiert wurde, die Rösseler als unzeitgemässe Truppeneinheit abzuschaffen. Dabei entstand ein Werk, das die einen als poetische Liebeserklärung an die Pferde bezeichneten. Andere stuften den Film jedoch als eine zynische Betrachtung über die Auswüchse einer überfrachteten Milizideologie ein, die sich für die Abschaffung der Kavallerie stark mache. Zu reden gab vor allem eine Szene mit Pferden in Gasmasken. Dies war den Kavallerieverbänden – die den Film ursprünglich finanziell unterstützt hatten – zu viel und sie bewirkten ein Aufführungsverbot, womit der Film lange Zeit nur zensiert und mit gedruckten Richtigstellungen des Artillerieverbands gezeigt werden konnte.

Zusammen mit dem Filmhistoriker Thomas Schärer und dem emeritieren Geschichtsprofessor Rudolf Jaun taucht royalSCANDALcinema in die jüngere Militärgeschichte der Schweiz ein.

2. März 2017: Africa Addio

AFRICA ADDIO
[G. Jacopetti, F. Prosperi, 1966, IT/d, 132 Minuten, ab 18 Jahren]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Wolfgang Fuhrmann (Filmwissenschaftler, Universität Zürich) und
Matthias Uhlmann (Filmwissenschaftler, Universität Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Für ihre zynischen Filmcollagen mit Sensationen, Kuriositäten und Barbarei aus aller Welt wurden Jacopetti und Prosperi gefeiert. Doch für «Africa Addio», einen Film über einen Kontinent im kriegerischen Umbruch steckten die beiden viel Kritik und Anfeindungen ein. In Italien wurden Regisseur und Filmcrew beschuldigt mit Söldnertruppen zusammengearbeitet und ein Erschießungskommando an einen kameratechnisch günstigen Ort dirigiert zu haben. Eine Anklage wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung wurde vom Gericht jedoch abgewiesen.

Noch höhere Wellen schlug der Film in der Schweiz und in Deutschland, wo Studenten, Intellektuelle und Kirchenvertreter den Film als rassistische Propaganda anprangerten. Während Schwarze als brüllende Wilde dargestellt würden, würden Weisse stets als Edelmenschen präsentiert, ohne die Afrika dem Untergang geweiht wäre. Ebenso würden die missglückte Kolonialpolitik und die Gräueltaten der Engländer totgeschwiegen und positive Beispiele afrikanischer Unabhängigkeit einfach ignoriert. Quasi als Beweis, dass sich auch Weisse unzivilisiert benehmen können, wurden während Studentenkundgebungen im West-Berlin mehrere Kinos zerstört, worauf der Film aus dem Verleih genommen wurde.

Zusammen mit den Filmwissenschaftlern Wolfgang Fuhrmann und Matthias Uhlmann, nimmt sich royalSCANDALcinema diesem cineastischen Zeitzeugnis an, dem die deutsche Filmbewertungsstelle wegen des seltenen dokumentarischen Materials trotz allem das Prädikat „wertvoll“ verlieh.

AFRICA ADDIO

Es herrscht Chaos in Ostafrika, als die Briten ihre Kolonien anfangs 1960er Jahre verlassen. Kenia kommt nach den Mau-Mau-Aufständen nicht zur Ruhe, in Sansibar werden tausende Araber brutal niedergemetzelt und auch im Kongo häufen sich die Gräueltaten. Und mittendrin hält ein Filmteam die Kamera immer voll drauf, um die Grausamkeiten für die europäische Heimat schonungslos festzuhalten. Zum Glück können sie sich zwischendurch im Apartheid-Regime von Südafrika erholen. Aber das ist ja nicht Afrika. Noch nicht…

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16. Februar 2017: Fire

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[Deepa Mehta, 1996, HIN,E/d, 104 Minuten, ab 12 Jahren]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Caroline Widmer (Religionswissenschaftl., Universität Zürich & Heidelberg)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Was ist skandalöser? Zwei Frauen, deren Leidenschaft traditionelle Hürden überwindet, oder die Annahme, dass diese Liebe durch die fehlende sexuelle Zuwendung ihrer Männer ausgelöst wurde? Die Antwort fällt je nach Kontinent anders aus.

In Indien sorgte Deepa Mehtas «Fire» vor allem wegen der verbotenen, lesbischen Beziehung für hitzige Reaktionen. Kinos wurden von Traditionalisten angriffen, die Regisseurin mit Mord bedroht und der Film zeitweilig verboten. Dass der Film zudem ein tristes Bild der traditionellen, indischen Grossfamilie zeichnet, trug einiges zur Empörung hinzu. Im Europa und Amerika wurde der Film hingegen als indisches Zeichen für Emanzipation und Individualität gefeiert. Kritik gab es hingegen von westlichen Lesbenbewegungen, die sich an der klischierten Darstellung lesbischer Sexualität störten. Die Mehrheit der indischen Homosexuellen betrachtet den Film jedoch als Meilenstein in ihrer Gleichstellung.

Dabei ging es Deepa Mehta in erster Linie gar nicht darum, einen Lesbenfilm zu drehen. Sie interessierte vielmehr die Frage, ob Menschen die Würde haben, einen eigenen Standpunkt einzunehmen, auch wenn dieser dem traditionellen Glauben entgegengesetzt ist. Eine Frage, die auch die Religionswissenschaftlerin und Indologin Caroline Widmer beschäftigt. Ihre Antworten präsentiert sie diesen Monat im royalSCANDALcinema.

FIRE

Wie es die Tradition verlangt, zieht Sita nach ihrer Heirat zur Familie ihres Mannes Jatin nach Delhi. Doch dieser vergnügt sich lieber mit seiner chinesischen Geliebten und ist Nächte lang ausser Haus. Und auch ihre kinderlose Schwägerin Radha wird von ihrem Mann vernachlässigt, der seit längerem ein religiöses Leben als Asket bevorzugt. Die zwei alleingelassenen Frauen kommen sich näher und zwischen ihnen entfacht ein leidenschaftliches Feuer. Doch dies darf niemand erfahren.

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