4. April 2019: Starship Troopers

STARSHIP TROOPERS
[PAUL VERHOEVEN, 1997, EN/DE, 129 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Simon Spiegel (Filmwissenschaftler, Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

«royalscandalcinema» zeigt am 4. April 2019 im Kulturlokal Royal Baden den amerikanischen Military Science Fiction Film «Starship Troopers» des holländischen Regisseurs Paul Verhoeven. Einführen wird den Film der Filmwissenschaftler Simon Spiegel von der Universität Zürich.

Die Handlung könnte nicht banaler sein: Im 23. Jahrhundert breitet sich die Menschheit im Weltraum aus und kolonisiert immer weitere Planeten. Böse arachnoide Aliens (schlicht als «Bugs» bezeichnet) greifen ohne Vorwarnung menschliche Aussenposten an. Hauptdarsteller Johnny Rico tritt nach Schulabschluss zusammen mit Schulfreund*innen den Streitkräften der Erde bei. Rico endet bei der Mobilen Infanterie, seine Freundin Carmen Ibanez wird Raumschiff-Pilotin und ihr gemeinsamer Freund Carl Jenkins landet beim Geheimdienst. Ein von den Aliens beeinflusster Asteroiden wird als Waffe zum direkten Angriff auf die Erde verwendet. Buenos Aires, die Heimatstadt der Protagonist*Innen, wird ausgelöscht, Millionen Menschen sterben beim Angriff. Die Menschen schlagen mit aller militärischen Macht zurück und greifen den Heimatplaneten der Aliens an. Der Angriff wird zum Desaster, Carmen wird abgeschossen und die Freunde eilen zu ihrer Rettung. Der Geheimdienst der Erde identifiziert einen Alien-Mastermind, den «Brain-Bug», der gefangen genommen werden soll. Für die Streitkräfte der Erde gibt es kein Zurück, alles wird diesem Ziel untergeordnet.

Die ersten Kritiken des Filmes waren teils vernichtend. Durch das Verwenden naziähnlicher Symbolik und Uniformen wurde dem Regisseur «Verherrlichung des Nationalsozialismus» vorgeworfen. Der Film wurde in Deutschland 1999 wegen Gewaltdarstellung und pro-militaristischer Darstellungen indiziert, im Fernsehen wurde nur eine geschnittene Fassung gezeigt. Die Indizierung wurde erst 2017 aufgehoben. Nach eigener Aussage beabsichtigte der Regisseur Paul Verhoeven mit dem Film eine militär- und faschismuskritische Satire, die einen gewaltorientierten Hurra-Patriotismus kritisieren sollte. Krieg mache aus uns allen Faschisten, meinte Verhoeven im Kommentar zur DVD. Der Kritiker Calum Marsh deutete den Film in einem Review des amerikanischen Magazins «The Atlantic» ebenfalls als Satire und sprach ihm ein hohes kritisches Potenzial zu: «Starship Troopers [is] one of the most misunderstood movies ever. [They] had missed the point. Starship Troopers is satire, a ruthlessly funny and keenly self-aware sendup of right-wing militarism»

In seinem einführenden Referat wird der Filmwissenschaftler Simon Spiegel den Film und seine Kritik einordnen. Spiegel ist habilitierter Filmwissenschaftler an den Universitäten Zürich und Bamberg und arbeitet als freiberuflicher Filmjournalist und Filmkritiker. Durch seine Forschungs- und Lehrinteressen, die unter anderem dem politisch-aktivistischen Dokumentarfilm, der Phantastik, dem Science-Fiction-Film und dem Werk Stanley Kubricks gelten, ist er bestens gerüstet, die Skandalisierung von Starship Troopers zu kontextualisieren.

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7. März 2019: The Wild Bunch

THE WILD BUNCH
[SAM PECKINPAH, 1969, EN/DE, 145 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Johannes Binotto (Kultur- und Medienwissenschaftler, Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Am 7. März 2019 zeigt «royalscandalcinema» im Kulturlokal Royal Baden mit «The Wild Bunch», einen Film der mit den romantisierenden Erzählungen des klassischen Westerns aufräumte und das Publikum mit zeitgenössischer Gesellschaftskritik konfrontierte. Eingeführt wird der «Spätwestern» von Johannes Binotto, Kultur- und Medienwissenschaftler an der Universität Zürich.

Der Regisseur Sam Peckinpah siedelt seinen Western vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs an. Das 19. Jahrhundert und mit ihm der «Great Wild West» sind längst vergangen. Die Welt taumelt auf einen Abgrund zu. Der Westen der Vereinigten Staaten ist in der Hand der Big Companies, der Eisenbahngesellschaften, die das Land kraft ihrer ökonomischen Macht regieren. «The Wild Bunch», eine Bande, die sich mit den Eisenbahnbaronen angelegt hat, wird von Kopfgeldjägern verfolgt. Sie flüchten nach Mexiko, das von gewalttätigen Auseinandersetzungen im Zuge der mexikanischen Revolution geprägt ist. Die Landbevölkerung befindet sich im Aufstand gegen marodierende Militärs. General Mapache, der zu letzteren gehört, heuert die Bande an, um sie in seinen asymmetrischen Krieg einzuspannen.

Peckinpah machte es sich zur Aufgabe, den Mythos «Western» zu demontieren. «The Wild Bunch» bricht mit genretypischen Erzählungen und Geschichtsbildern des Westerns. Eine romantische Idealisierung des «Wilden Westens» fehlt völlig. Sympathie für die Protagonisten wird wenig geweckt. Gewalt wird realistisch und grausam dargestellt. Symptomatisch dafür ist eine Szene, in welcher die herannahenden Gegner mit einer Gatling, einem Maschinengewehr, niedergemetzelt werden. Damit signalisierte Peckinpah, dass die Zeit des «High Noons» vorbei ist, in welcher Duelle mit Revolvern ausgefochten wurden. Auf eine Romantisierung der Natur wird verzichtet. Moral wird nicht dichotom und simpel, sondern auf komplexe Art und Weise ausgehandelt. Der Film liefert keine einfachen Antworten. Viel mehr wirft er Fragen auf, die nicht nur dazu anleiten, das romantisierte Bild des «Wilden Westens» zu überdenken, sondern auch die soziale Realität der Zeit, in welcher der Film produziert wurde, hinterfragt: Peckinpah dekonstruiert die Männlichkeitskonzepte des klassischen Western. Er zeigt die Dominanz der Big Companies – die mittels Kopfgeldjägern Recht in ihrem Sinne durchzusetzen im Stande waren. Er verhandelt die Gewalterfahrung der späten 1960er mit Vietnamkrieg, politischen Attentaten, Massendemonstrationen und Polizeigewalt im historischen Setting des Spätwesterns.

Die exzessive Darstellung von Gewalt in «The Wild Bunch» führte zu kontroversen Diskussionen. Kameraführung, Slow-Motion, spritzendes Blut und Nahaufnahmen der Kampfszenen machen «Gewalt» zum eigentlichen Thema dieses Films. Die Gewalt in Peckinpahs «The Wild Bunch» regt zu Diskussionen an und wird verschieden interpretiert. Manche Kritiker reagierten mit Schock und Empörung auf die exzessiven Gewaltdarstellungen, weswegen der Film auch erst ab 18 Jahren gesehen werden durfte – und dem Regisseur Sam Peckinpah den Spitznamen «Bloody Sam» einbrachte. Peckinpah meinte hingegen: «Niemand ist unschuldig, Gewalt geschieht in der Realität und die Menschen unternehmen nichts dagegen.» Er wolle dem Publikum die eigene gewalttätige Seite aufzeigen sowie die Vulnerabilität jedes einzelnen, in Zeiten, in welchen Gewalt in der Gesellschaft alltäglich wird. Dass Peckinpah seine zeitgenössische Gesellschaftskritik mit einer Dekonstruktion des Westerngenres – einer der grossen Meistererzählungen amerikanischer Nationalidentität – verband, wurde 1969, mitten im Kalten Krieg, ebenfalls kontrovers diskutiert.

Der Kultur- und Medienwissenschaftler Johannes Binotto, wird diesen Kontroversen in seinem einleitenden Referat nachspüren. Binotto ist Post-Doc-Researcher am Englischen Seminar der Universität Zürich, wo er mit einer Studie zum unheimlichen Raum in Kunst, Literatur und Film promoviert hat. Als Forscher, freier Autor, Redaktor des Filmmagazins «Filmbulletin» und als Redaktionsmitglied von «RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse» machte er die Schnittstellen zwischen Kinogeschichte, Filmtechnik, Psychoanalyse und Raumanalyse zu seinem Thema. Als Dozent für Filmtheorie lehrt er an der Hochschule Luzern Design+Kunst, am Zürcher Lacan-Seminar und an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli. Für «royalscandalcinema» führte er im Mai 2018 bereits «Cruising» von William Friedkin ein.

 

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14. Februar 2019: Crash

CRASH
[DAVID CRONENBERG, 1996, EN/DE, 100 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Bernd Herzogenrath (Professor für England- und Amerikastudien, Goethe-Universität Frankfurt)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

«royalscandalcinema» zeigt am 14. Februar 2019 im Kulturlokal Royal Baden den skandalumwitterten Film «Crash». Durch seine Darstellung der Verbindung von Autounfällen und sexueller Erregung löste der Film von David Cronenberg, welcher den gleichnamigen Roman von James Ballard als Vorlage nahm, insbesondere in seinem Produktionsland England mediale Proteststürme aus. Bernd Herzogenrath, Professor für England- und Amerikastudien an der Goethe-Universität Frankfurt, wird den kontrovers diskutierten Film einführen.

Die offene Beziehung des Filmproduzenten James Ballard und seiner Frau Catherine dient den beiden als sexuelles Stimulans ihrer eingeschlafenen Beziehung. Beide gehen Affären ein und erzählen sich anschliessend detailliert von ihren Erlebnissen, um sich gemeinsam in Stimmung zu versetzen. Auf dem Weg nach Hause hat Ballard einen Frontalzusammenstoss mit einem anderen Wagen, dessen Beifahrer stirbt, während die Fahrerin, Dr. Helen Remington, überlebt. Ihre beim Unfall entblösste Brust geht Ballard nicht mehr aus dem Kopf, die beiden treffen sich im Krankenhaus und beginnen eine Affäre miteinander. Die gemeinsame Erfahrung ihres Autounfalls entwickelt sich zu einem sexuellen Fetisch und führt zu einer Neuerkundung ihrer Sexualität. Dabei treffen sie auf eine Gruppe Gleichgesinnter, die sich durch die gemeinsame Betrachtung von Autounfällen und Crashtests oder das Nachstellen berühmter Karambolagen erregen. Als einer der Gruppe absichtlich einen Verkehrsunfall verursacht, eskaliert die Situation.

Uraufgeführt am Internationalen Filmfestival von Cannes im Jahre 1996, erhielt «Crash» den Spezialpreis der Jury. Gleichzeitig zog die im Film gezeigte Paraphilie für Autounfälle harsche Kritik und mediale Verrisse nach sich; insbesondere die englischen Boulevardzeitungen «Daily Mail» und «The Evening Standard» forderten das Verbot des Films. «Crash» wurde als «verdorben», «krank» und «Übelkeit erregend» bezeichnet. Der Westminster City Council verbot den Film, was bedeutete, dass «Crash» im Londoner West End Bezirk nicht in den Kinos gespielt werden durfte. Die britische Zensurbehörde BBFC prüfte den Film auf «Obszönitäten», liess Gutachten von Psychologen erstellen, um das Potential von Nachahmungen abzuklären und führte Gespräche mit Opfern von Autounfällen, ob der Film sie psychisch zu sehr aufwühle. Nichts davon stellte sich als Problem heraus, so dass die Prüfstelle den Film ab 18 Jahren freigab. Gleichzeitig rief der Film bei Kritiker*nnen grosses Lob hervor. Der amerikanische Filmkritiker Robert Ebert notierte zu «Crash»: «[It’s] like a porno movie made by a computer: It downloads gigabytes of information about sex, it discovers our love affair with cars, and it combines them in a mistaken algorithm. The result is challenging, courageous and original -a dissection of the mechanics of pornography. I admired it, although I cannot say I ‹liked› it».

Der Film wird eingeführt durch Bernd Herzogenrath, Professor für England- und Amerikastudien an der Goethe-Universität Frankfurt, der eigens dafür nach Baden reist. Zu Herzogenraths Forschungsschwerpunkten gehören Medientheorien, Sound Studies, Körperpolitik und Filmwissenschaft – ideale Voraussetzungen, um diesen Film und seine Skandalisierung in seinem filmhistorischen und philosophischen Kontext einzuordnen.

 

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10. Januar 2019: Romance

ROMANCE
[CATHERINE BREILLAT, 1989, FR/DE, 95 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Susanne Kappesser (Filmwissenschaftlerin und freie Autorin Berlin)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Kunstfilm oder Porno? «Romance» begleitet eine junge Lehrerin bei ihrer spirituellen und sexuellen Selbsterkundung: Eine Odyssee auf der Suche nach sich selbst, nach Verbundenheit und Glück, Lust und Liebe, Integrität und Freiheit. Nichtsimulierte Sexszenen und das Engagement des Pornodarstellers Rocco Siffredi in einer Nebenrolle führten zu erregten Debatten über die Grenzen von Kunst und Pornographie. Susanne Kappesser, Filmwissenschaftlerin in Berlin, führt in den Film und seine Kontroversen ein.

Die Szenerie des Films: Die Lehrerin Marie lebt mit Paul zusammen, der von sich zwar sagt, Marie zu lieben, aber nicht mit ihr schlafen will. Sexuell frustriert macht sich Marie auf, um ihre Lust mit anderen Männern zu befriedigen. Mit Pablo, den sie in einer Bar kennenlernt, erlebt sie wilden Sex; von Robert, dem Direktor ihrer Schule, lässt sie sich fesseln und knebeln.

Dazwischen versucht sie immer wieder, Paul zu verführen. Der bleibt jedoch abwesend und verbringt seine Abende lieber alleine vor dem Fernseher oder Bukowski lesend in einer Sushi-Bar. Als es doch zu einem (kurzen) Sexualakt zwischen den Beiden kommt, wird Marie schwanger. Während Marie glaubt, zu sich selbst gefunden zu haben, steigen das Desinteresse und die Lieblosigkeit Pauls ihr gegenüber.

«Romance» besticht durch eine stimmungsreiche Bildsprache, das Spiel mit Zweideutigkeiten und eine Off-Stimme, welche die gezeigten Bilder in Frage stellt. Für erregte Diskussionen sorgten hingegen die gezeigten Sexualpraktiken, die langen Einstellungen nichtsimulierten Geschlechtsverkehrs, der kameratechnische Fokus auf Geschlechtsteile und das Engagement von Rocco Siffredi, der im Pornokino als Kultdarsteller gefeiert wird.

Wie auch der zehn Jahre später produzierte Film «Baise-moi» von Virginie Despentes und Coralie Trinh Thi verursachte Catherine Breillat‘s «Romance» weltweite Debatten um die Grenzen zwischen Pornographie und Kunstfilm, aber auch um die Emanzipation weiblicher Regie und das Hervorbringen neuer Frauenfiguren und Rollenbilder. Die Altersfreigabe variierte (und variiert auch heute noch) von Land zu Land; in einigen Regionen konnte der Film unzensiert gezeigt werden, anderswo nur in gekürzter Fassung oder in Pornokinos. Ein filmrechtliches Novum erreichte «Romance» in Australien, wo der Film erst verboten wurde, dann aber in einer als «18+» eingestuften Version zugelassen wurde – anscheinend das erste Screening nichtsimulierter Sexszenen ausserhalb reiner Erotikkinos.

Der Film wird eingeführt durch Susanne Kappesser, einer Spezialistin für feministische Film- und Körpertheorien. In ihrer Dissertation (publiziert unter dem Titel «Radikale Erschütterungen») hat sie zu Körper- und Genderkonzepten im französischen Horrorfilm geforscht. Kappesser arbeitet als Rechercheurin, Redakteurin und Regisseurin in Berlin, wo sie auch das Filmprogramm des Kulturzentrums «Brotfabrik» mitgestaltet. Für «royalscandalcinema» führte sie im Januar 2017 bereits «Irréversible» von Gaspar Noé ein.

 

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13. Dezember 2018: Reconstituirea

RECONSTITUIREA
[LUCIAN PINTILIE, 1969, RO/EN, 100 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Patricia Pfeifer (Filmwissenschaftlerin Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Auf dem Höhepunkt gesellschaftspolitischer Liberalisierung brachte Lucian Pintilie 1969 mit «Reconstituirea» einen Film ins Kino, der in vielerlei Hinsicht Kritik am kommunistischen Regime Rumäniens übte. Der wachsende Erfolg des Films gab den Behörden zu denken: Kurz darauf war wieder Schluss mit künstlerischer Freiheit, die Zensur wurde reaktiviert. Eingeführt wird der Film durch Patricia Pfeifer, Filmwissenschaftlerin an der Universität Zürich und profunde Kennerin des osteuropäischen Filmschaffens.

Der Film «Reconstituirea» basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte des jungen Schriftstellers Horia Pătraşcu. Pătraşcu beschreibt darin eine bizarre Szenerie, die sich anfangs der 1960er Jahre in der rumänischen Stadt Caransebeș ereignet haben soll: Ein Milizsoldat behauptet, die beiden Jugendlichen Vuică and Nicu hätten betrunken eine Schlägerei angezettelt. Zusammen mit einem Erzieher, einem Staatsanwalt und einem Kamerateam schleppt er die beiden an den Tatort, wo die Szene für die Kamera nachgestellt werden soll – als Lehrstück gegen Alkoholismus und zur Stärkung der öffentlichen Moral. Der Milizionär zwingt sie, die Szene immer und immer wieder nachzuspielen. Die Parteifunktionäre finden Gefallen an der Demütigung der beiden Jugendlichen. Der Erzieher fordert mehr Realismus. Die Meute grölt aus dem Off. Ein tragisches Ende bahnt sich an.

Als Tragikomödie inszeniert, legte Lucian Pintilie mit «Reconstituirea» eine scharfe Kritik am kommunistischen Regime vor – zu einer Zeit, in welcher Nicolae Ceaușescu, der erst seit drei Jahren an der Macht war, als Hoffnungsträger gehandelt wurde und die Kulturpolitik Rumäniens als gesellschaftspolitisch liberal galt. Pintilie fokussierte auf den Missbrauch von Macht, auf die Inkompetenz und Willkür der Funktionäre und die Gleichgültigkeit der Mitbürger. «Reconstituirea» kann als Metapher gelesen werden für die Abstumpfung einer Gesellschaft, die unter der harten Hand eines totalitären Regimes steht, unfähig ihr Geschick zu kontrollieren, gleichsam indifferent gegenüber Verfolgungen von Mitmenschen.

2004 führte Pintilie in einem Interview aus, dass seine Entscheidung, den Film zu drehen, auch davon beeinflusst war, dass ein im nahestehender Schauspieler und Freund kurz davor wegen Verstosses gegen das rumänische «Sodomie-Gesetz», das Homosexualität unter Strafe stellte, denunziert und verhaftet wurde. Dabei sei dieser gezwungen worden, mit seiner Ehefrau Geschlechtsverkehr zu praktizieren, während die Ermittler daneben standen und dabei zusahen. Ebenso wollte Pintilie ein Zeichen setzen gegen die Ermittlungsmethoden des kommunistischen Regimes, insbesondere jener der Geheimpolizei Securitate, die von abermaligen Verhören und Folterungen geprägt waren. So sollte der Milizionär im Film ursprünglich als Angehöriger der Securitate gezeigt werden, was das Regime allerdings verhinderte. Ob es sich damit einen Gefallen getan hat, steht auf einem anderen Stern: Gerade die Darstellung der Miliz sollte zu einem der meist gewürdigten Aspekte des Films werden, da diese mit den wohlmeinenden Charakterisierungen der Milizionäre in zeitgenössischen Filmen scharf kontrastierte.

Im Kontext einer angestrebten gesellschaftlichen Liberalisierung gestattete das Regime die Aufführung des Films in einzelnen Kinos, wenn auch unter der Bedingung, dass dafür keine Werbung gemacht werden durfte. Mit der steigenden Popularität des Films, der zunehmenden Kritik am Regime und Randalen gegen Angehörige der Miliz, die vermeintlich oder reell im Zusammenhang mit der Vorführung standen, entschieden die Behörden, den Film aus den Kinos zu verbannen. Das Experiment einer liberaleren Filmpolitik wurde für beendet erklärt, die Filmschaffenden wieder unter schärfere Beobachtung gestellt und ihr Schaffen vehementer zensiert.

Der Film wird eingeführt durch die Filmwissenschaftlerin Patricia Pfeifer. Die profunde Kennerin des osteuropäischen Filmschaffens dürfte den regelmässigen Gästen von «royalscandalcinema» mit ihren Referaten zu den beiden Makavejev-Filmen «W. R. Misterije Organizma» und «Sweet Movie» in bester Erinnerung sein.

 

1. November 2018: Do the Right Thing

DO THE RIGHT THING
[SPIKE LEE, 1989, EN/DE, 120 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Monika Dommann (Professorin für Geschichte Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Kritikerinnen und Kritiker des Films befürchteten, er werde «Rassenunruhen» provozieren, der Regisseur bezeichnete sein Werk als «Apartheidsfilm über die USA». Drei Jahrzehnte vor «BlacKkKlansman» inszenierte Spike Lee mit «Do the Right Thing» eine beklemmende Studie über Gewalt und Rassismus. In einem einleitenden Referat führt Monika Dommann, die mediengeschichtsaffine Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, in die Skandalisierung des Films ein.

Die Szenerie des Films: Eine afroamerikanisch dominierte Nachbarschaft in Brooklyn, New York, an einem der heissesten Tage des Jahres. Leben ins Viertel bringen eine Ein-Mann-Radiostation, der Mini-Markt eines koreanischen Pärchens und Sal’s Pizzeria, das einzige Unternehmen, das von einem Weissen geführt wird. Der Italo-Amerikaner Sal arbeitet dort mit seinen beiden Söhnen, dem intelligenten Vito und dem rassistischen Pino. Als einziger Schwarzer angestellt ist der eher lustlose Austräger Mookie, gespielt durch Spike Lee selbst. Sal ist stolz darauf, dass man ihn in der Umgebung akzeptiert, zelebriert aber auch seine italo-amerikanischen Wurzeln. In der Pizzeria präsentiert er eine «Wall of Fame», die aus Portraits italo-amerikanischer Stars besteht. Als Mookies Freund Buggin’ Out bemerkt, dass in Sal‘s «Wall of Fame» ausschliesslich Weisse abgebildet sind, ruft er zum Boykott der Pizzeria auf. Die Gemüter erhitzen sich, aus Worten werden Taten, es kommt zu Gewalt, die Polizei schreitet brutal ein, die Situation eskaliert.

«Do the Right Thing» ist ein politischer Film, der sich kritisch mit Gentrifizierung, Rassismus und Polizeigewalt auseinandersetzt. Spike Lee wollte damit auf strukturelle Probleme aufmerksam machen, die er als «Apartheid der USA» bezeichnete. Gleichzeitig ging es ihm um eine konkrete politische Intervention: Die Verhinderung einer Wiederwahl des damaligen Bürgermeisters von New York Ed Koch. Koch wurde verantwortlich gemacht für massive Gewaltausschreitungen des Polizeicorps, die – ähnlich wie heute – überwiegend Afroamerikaner*innen betraf. Aufrufe des Radiomoderators, die Bewohner*innen des Viertels sollen sich an den Wahlen beteiligen und Graffitis mit dem Slogan «Dump Koch» («Werft Koch auf den Müll») nehmen darauf Bezug.

Kritiker*innen befürchteten, der Film würde zu mehr Spannungen zwischen Afroamerikanern und Weissen führen und warnten davor, der Film würde das schwarze Publikum zu gewalttätigen Aufruhren anstacheln. Gerade darin sahen wiederum andere das eigentliche Problem: Die Annahme, schwarze Zuschauer*innen würden sich von Gewalttaten im Kino inspirieren lassen, während das bei weissen Zuschauer*innen und weissen Identifikationsfiguren kaum problematisiert würde. Spike Lee meinte dazu: «I don’t remember people saying people were going to come out of theatres killing people after they watched Arnold Schwarzenegger films.»

Inwiefern Gewalt ein legitimes politisches Mittel darstellt, wird in der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA seit je kontrovers diskutiert. Die einen plädierten und plädieren für einen pazifistischen Weg in der Tradition von Martin Luther King, die anderen meinen mit Malcolm X, Kings gewaltloser Ansatz führe zu nichts. Gerechtigkeit müsse nicht bei den Weissen erbettelt, sondern erkämpft werden, durch Wahlen oder Kugeln («The ballot or the bullet»). Spike Lee schliesst den Film, indem er erst Martin Luther King, dann Malcolm X zitiert und anschliessend ein Bild zeigt, auf welchem sich die Beiden die Hände schütteln, überlässt die Deutung dieser Montage allerdings dem Publikum

Der Film wird eingeführt durch Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Sie forscht zur Verflechtungsgeschichte der Karibik, Europas und Nordamerikas, zur Geschichte des Marktes, zur Geschichte materieller Kulturen und immaterieller Güter – und hat ein ausgewiesenes Faible für Spielfilme und Popkultur.

 

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4. Oktober 2018: Ursula

URSULA
[EGON GÜNTHER, 1978, DE, 111 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Thomas Beutelschmidt (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

royalscandalcinema startet am 4. Oktober 2018 im Kulturlokal Royal Baden in die neue Saison mit «Ursula» von Egon Günther, die erste und einzige Koproduktion des Fernsehens der DDR und des Schweizer Fernsehens. Die unkonventionelle Interpretation der Novelle «Ursula» von Gottfried Keller löste in der Schweiz, wie auch in der DDR Empörung aus. Gemeinsam mit Thomas Beutelschmidt, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, geht royalscandalcinema dieser Skandalisierung auf den Grund.

Im Jahr 1523 kehrt der Söldner Hansli Gyr zu seiner Verlobten Ursula Schnurrenberger ins Zürcher Oberland zurück. In seiner Abwesenheit hat  ein religiöser Umbruch stattgefunden: In der Stadt Zürich huldigte man Huldrych Zwinglis Lehren, im Zürcher Oberland hat sich das Täufertum verbreitet. Auch Ursula hat sich den Täufern zugewandt, zum völligen Unverständnis Hanslis. Der Entzweiung der beiden führt dazu, dass Hansli in Zürich Antworten auf die neuen religiösen Verhältnisse sucht – und zum Anhänger Zwinglis wird. Währenddessen werden Ursula und ihre Täufergemeinde zur Zielscheibe des Reformators.

In der DDR landete «Ursula» nach der Erstausstrahlung im Giftschrank. Auch in der Schweiz waren die Reaktionen auf den Film heftig. Das Schweizer Fernsehen erhielt eine Vielzahl an Briefen empörter Zuschauerinnen und Zuschauern. Die darin enthaltenen Kommentare lauteten von «Der Gottfried Keller hat sich sicher im Grabe umgedreht.» und «Die Gestalt des grossen Reformators Zwingli wurde verzerrt und bösartig gestaltet.» bis hin zu «Wer sind die Verantwortlichen, die uns am Reformationssonntag die pornographische Schweinerei ‹Ursula› zumuteten?».

Die Kritik zielte auf Form und Inhalt. Die Inszenierung sei zu expressiv und zu theatralisch gewesen. Durch die zerhackte und verwirrende Erzählweise sei das Verständnis des Films für die Zuschauenden erschwert worden. Das Vorhandensein von Strommasten in der Landschaft des 16. Jahrhunderts, der Einsatz eines Deltaseglers und der Gebrauch von Schimpfwörtern aus den 1970er Jahren wurden nicht goutiert.

Scharf kritisiert – zumindest unter dialektaffinen Zuschauenden aus der Schweiz – wurde der Sprachgebrauch. Der Film wird in Hochdeutsch gesprochen, einige Szenen jedoch auf Schweizerdeutsch. Dass die von der Schauspielerin Suzanne Stoll gespielte Ursula («eine Zürcher Oberländerin!») in jenen Szenen auf Baseldeutsch Schimpftiraden zum Besten gibt, störte die Verfechterinnen und Verfechter einer dialektalen Authentizität.

Schlagkräftiger waren die Kritikpunkte auf inhaltlicher Ebene: Die Darstellung Zwinglis und der Täufer sei historisch verkürzt. Zwingli wirke hart und unmenschlich; die Täufer als eine sektiererische Gruppe, die sich sexuellen Ausschweifungen hingibt. Letzteres brachte dem Film auch den Vorwurf der Pornographie ein. Die Advokaten der «geistigen Landesverteidigung» vermuteten eine subversive kommunistische Agitation, eine marxistische Lesart der zürcherischen Reformation und meinten, das Schweizer Fernsehen habe sich durch Günther und die DDR instrumentalisieren lassen.

Für mehr Hintergrund zu diesem kontrovers diskutierten Film wird Thomas Beutelschmidt in seinem Einführungsreferat sorgen. Er ist Leiter des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts «Grenzüberschreitungen: Internationaler Programmaustausch als interkulturelle Kommunikation zwischen West- und Osteuropa am Beispiel des DDR-Fernsehens» und assoziierter Forscher am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Als Medienhistoriker, Ausstellungskurator, Regisseur und Publizist hat er sich intensiv mit Film und Fernsehen der DDR auseinandergesetzt – unter anderem mit der  «Geschichte der Literaturverfilmung Ursula von Egon Günther».

21. August 2018: The Death of Stalin

THE DEATH OF STALIN
[ARMANDO IANUCCI, 2017, EN/DE, 106 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Ulrich Schmid (Professor für Geschichte und Kultur Russlands, Universität St. Gallen)

24h Shop, Langstrasse 62, 8004 Zürich

 

Ein rabenschwarzer Politthriller, eine bitterböse Satire, eine antiautoritäre Parabel oder ein destabilisierendes Machwerk antirussischer Propaganda: Armando Ianucci’s Film über Stalins Tod und die darauffolgenden Machtkämpfe unterliegt unterschiedlichen Wertungen. In Russland wurde er mit einem Aufführungsverbot belegt. Ulrich Schmid, Professor für Geschichte und Kultur Russlands, wird den Film und seine Skandalisierung kontextualisieren. Die Vorführung findet im Rahmen des Kulturprogramms «24h Shop» an der Zürcher Langstrasse statt.

 

Wir schreiben das Jahr 1953: Josef Wissarionowitsch Stalin erleidet in seiner Datscha einen Schlaganfall. Niemand wagt es, sich dem in seiner Urinlache liegenden Diktator zu nähern, bis nur noch sein Tod festgestellt werden kann. Nach und nach treffen die Mitglieder des Zentralkomitees ein. Es gilt, sich für das Ränkespiel um seine Nachfolge in Stellung zu bringen. Allianzen werden geschmiedet, Intrigen gesponnen, geheime Absprachen getroffen – und wieder gebrochen. Während die trauernden Massen zu Stalins Begräbnis pilgern, versuchen sich seine politischen Zöglinge gegenseitig auszustechen.

Armando Iannuccis «The Death of Stalin» zeichnet ein bitterböses Gemälde der chaotischen Zustände nach Stalins Ableben, eine Politsatire voll von absurdem Slapstick, schwarzem Humor und bitterbösen Dialogen. Ein glänzendes Komödianten-Ensemble mimt den innersten Zirkel der Macht: Jeffrey Tambor als Malenkow, Steve Buscemi als Chruschtschow, Simon Russell Beale als Beria und Michael Palin als Molotow. Das Drehbuch basiert auf der gleichnamigen Comicserie von Fabien Nury und Thierry Robins, die als Parabel auf die Absurdität totalitärer Regimes gelesen werden wollte, mehr oder weniger an historischen Fakten orientiert – oder wie die Autoren schrieben: «Eine wahre Geschichte – auf sowjetische Art.»

Iannuccis Film provozierte kontroverse Reaktionen. Die einen monierten, dass der Film die Opfer des stalinistischen Terrors verhöhne und dessen Regime verharmlose. Andere sahen die Stärke des Films gerade in seiner zynischen Auseinandersetzung mit den Funktionsweisen autoritärer Macht. Ianuccis Satire ziele nicht bloss auf Stalin als machtbesessenen Diktator (und seinen Führungszirkel), sondern nehme allgemein politische Konstellationen aufs Korn, die von autoritärer Herrschaft, Kriechertum, Denunziation und Gewalt geprägt sind.

In den Vereinigten Staaten wurde der Film von Trump-Kritikerinnen als Vorlage genommen, um dessen Kabinett zu kritisieren. In einigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion – in Russland, Weissrussland, Kasachstan und Kirgistan – wurde der Film mit Aufführungsverboten sanktioniert. In Russland wurde das Verbot zwei Tage vor den geplanten, landesweiten Premieren ausgesprochen. Als Verbotsgründe wurden etwa «Blasphemie», die «Verunglimpfung nationaler Symbole» (wie zum Beispiel der sowjetischen Nationalhymne), eine «Beleidigung der sowjetischen Vergangenheit» und die Absicht des Films, Russland zu destabilisieren, indem er «Risse in der Gesellschaft» provozieren würde.

Nachdem der russische Kulturminister Medinsky den Film anfänglich mit Verweis auf die geltende Redefreiheit zugelassen hatte, entschied er sich nach Protesten politischer Exponenten für ein Verbot des Filmes. Er meinte dazu: «Bei uns gibt es keine Zensur, aber es gibt moralische Grenzen zwischen einer kritischen Analyse der Geschichte und ihrer Verhöhnung.» Wie so oft wurde der Film dadurch umso gefragter: Nach dem Vorführungsverbot stiegen die Downloadraten exponentiell an. Ein Kino liess den Film vor gefüllten Rängen in fünf Vorstellungen zeigen, bis die Polizei den Saal mit Verve räumte.

Vor der Filmvorführung wird Ulrich Schmid «The Death of Stalin» und seine Skandalisierung in einem einleitenden Referat kontextualisieren. Er wird auf das Vorführungsverbot in Russland eingehen, einen generellen Exkurs zur Politisierung von Geschichte in Russland vornehmen und die Kontroverse um den Film in diesem Rahmen erörtern.

Ulrich Schmid ist Professor für Geschichte und Kultur Russlands an der Universität St. Gallen. Er war Visiting Fellow an der Harvard University, Gastforscher an der Universität Oslo, Assistenzprofessor erst in Basel, dann in Bern und – als vorläufig vorletzte Station – Professor für Slavische Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Schmid beschäftigt und beschäftigte sich intensiv mit der Untersuchung von Nationalismus in Osteuropa, osteuropäischer Kulturpolitik, russischen Medientheorien und der Politisierung von Kultur und Geschichte.

Die royalSCANDALcinema-Reihe findet für einmal in Zürich statt. Im Rahmen des einmonatigen Kulturprogramms «24h Shop» wird der Film an der Langstrasse 62 gezeigt.

 

 

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3. Mai 2018: Cruising

CRUISING
[WILLIAM FRIEDKIN, 1980, E/DE, 102 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Johannes Binotto (Kultur- und Medienwissenschaftler, Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

 


Ein spannender Thriller mit Fokus auf Identitätsverlust oder ein homophober Krimi? William Friedkin hat mit seinem Film «Cruising» Empörung und Wut auf sich gezogen. Zusammen mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Johannes Binotto nimmt royalSCANDALcinema eine Kontextualisierung des Films und seiner Skandalisierung vor.

New York in den 1970er Jahren: Ein heisser Sommer – Leichenteile schwimmen im New Yorker Hudson River. Die Polizei vermutet einen Serienkiller, der gezielt Homosexuelle tötet und schickt den Polizisten Steve Burns undercover ins Schwulenmilieu des West Villages. Dort nimmt er sich eine Wohnung, freundet sich mit Nachbarn an, und beginnt, die S/M-Clubs der homosexuellen Gemeinschaft aufzusuchen. Burns taucht tief in die Szene ein, verzweifelt im Angesicht des eigenen Identitätsverlustes und der unaufhaltsamen Gewalt: Sein heteronormatives Weltbild erhält Risse, die Beziehung zu seiner Freundin wird auf eine harte Probe gestellt, die Mordserie reisst nicht ab. Der Film wird seinem doppeldeutigen Namen gerecht – ein Polizist auf Streife und Homosexuelle auf der Suche nach Sex.

Viele Homosexuelle empfanden den Film als homophob, andere dagegen unterstützten die Dreharbeiten. Der Film wurde hauptsächlich in Schwulenclubs gedreht. Viele Statisten wurden innerhalb der Schwulenszene rekrutiert. Gleichzeitig liefen Homosexuellenverbände bereits während der Dreharbeiten Sturm. Sie kritisierten die Reduktion und Stereotypisierung der homosexuellen Szene auf ihre Leder-tragende Subkultur, auf Dark Rooms, körperbetonte Kleidung und Promiskuität. Durch die als gewalttätig dargestellte Gay-Szene würden Vorurteile gegenüber Homosexuellen gefördert. Ein Höhepunkt der Proteste war eine Demonstration von 1000 Menschen gegen die städtische Unterstützung der Dreharbeiten. Rund 300 Polizisten schützten zeitweise die Clubs, einige Szenen mussten nachgespielt und nachgesprochen werden, da sich Demonstranten auf das Dach und in die Nachbarappartements der Drehorte schlichen und dort laute Musik abspielten, auf dem Dach herumsprangen und mit Spiegeln störende Lichtreflexionen erzeugten. Nach Erscheinen des Films flachten die Proteste und Kritiken ab und fokussierten sich auf filmische Fragen, die Charakterentwicklung von Burns oder das – für viele unbefriedigende – Ende.
Zusammen mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Johannes Binotto kontextualisiert royalSCANDALcinema den Film und seine Skandalisierung. Binotto ist Post-Doc-Researcher am Englischen Seminar der Universität Zürich, wo er mit einer Studie zum unheimlichen Raum in Kunst, Literatur und Film promoviert hat. Als Forscher, freier Autor, Redaktor des Filmmagazins «Filmbulletin» und als Redaktionsmitglied von «RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse» spürt er den Schnittstellen zwischen Kinogeschichte, Filmtechnik, Psychoanalyse und Raumanalyse nach. Als Dozent für Filmtheorie lehrt er an der Hochschule Luzern Design+Kunst, am Zürcher Lacan-Seminar und an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli.
Wie immer präsentiert royalSCANDALcinema den Film auf Grossleinwand und in Originalsprache. Die gemütliche Atmosphäre eines traditionsreichen Badener Kinos, ergänzt durch einen sympathischen Barbetrieb mit breitem Sortiment lädt zu spannenden Diskussionen ein.

 

TRAILER

 

5. April 2018: Das Gespenst

DAS GESPENST
[HERBERT ACHTERNBUSCH, 1982, DE, 84 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Ute Holl (Professorin für Medienästhetik, Universität Basel)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

 

Der 42. Heiland eines bayrischen Frauenklosters steigt vom Kreuz ins Bett der Mutter Oberin, verwandelt sich hie und da in eine Schlange, setzt sich mit der Polizei auseinander und sinniert über Gott und die Welt. Die Skandalfilmreihe royalSCANDALcinema zeigt – passend zu Ostern – den 1982 von Herbert Achternbusch gedrehten Film «Das Gespenst», mit einer Einführung durch Ute Holl, Professorin für Medienästhetik an der Universität Basel.

Als «Das Gespenst» 1982 in die Kinos kam, bahnte sich eine Skandalisierung an, welche tiefgreifende Folgen für die deutsche Filmförderung haben sollte. An ihm lassen sich ganz unterschiedliche gesellschaftliche Bruchlinien aufzeigen: Von der katholischen Kirche wurde «Das Gespenst» als blasphemisches Machwerk bezeichnet, von der Jury der Evangelischen Filmarbeit hingegen zum «Film des Monats» gekürt. In der Begründung ihres Entscheides schrieb die Jury: «Davon überzeugt, dass Unbequemes nicht durch Totschweigen aus der Welt geschafft werden kann, tritt [die Jury] dafür ein, gerade einen derart ‹anstössigen› Film einer Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten, die so gerne als mündig bezeichnet wird.» Diese Einschätzung stiess beim Leiter der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz auf wenig Verständnis. Er sah in der Auszeichnung eine «ernste Belastung» des ökumenischen Dialogs. Der Medienpädagoge Johannes Gawert wiederum lobte den Film als verwirrten und verwirrenden, aber dringend nötigen Versuch, «so etwas wie eine ‹Frömmigkeit nach Auschwitz› zu formulieren, die nicht mehr in schlichter Einfalt und kindlichem Gottvertrauen aufgehen kann […].»
Für den deutschen Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann war der Fall allerdings klar. Er brandmarkte den Film öffentlich als «widerwärtiger, blasphemischer und säuischer» Film. Besonders sauer stiess dem CSU-Politiker auf, dass der Film durch öffentliche Gelder mitfinanziert wurde. In einem Interview mit dem Spiegel meinte er: «Ich lasse nicht zu, dass mit Steuergeldern gefördert wird, dass einem Christus am Kreuz eine Schweinszunge aus dem Munde hängt, dass Kröten gekreuzigt werden und dass besoffene Polizisten ihre Notdurft in ein Schnapsglas verrichten, während ununterbrochen auf der Polizeiwache das Telefon läutet, aber niemand hingeht, um die Assoziation zu erwecken, bei der Polizei brauchst du nicht anzurufen […].»
Als der Bundesinnenminister in der Folge Fördergelder zurückhielt, die Achternbusch bereits zugesprochen wurden, solidarisierten sich zahlreiche Filmschaffende mit dem Regisseur: Während der Verleihung des Bundesfilmpreises protestierten sie als Gespenster verkleidet gegen die Massnahme. Ebenso öffentlichkeitswirksam inszenierten sich die Gegner des Films, etwa in München, wo sich zu Christi Himmelfahrt über tausend katholische Pfadfinder zu einer Sühneprozession für den Sünder Achternbusch versammelten, durch die Stadtmitte ziehend bis zur Mariensäule vor dem Münchner Rathaus, einem nicht nur politisch, sondern auch religiös zentralen Platz der bayrischen Hauptstadt.

Versuche, ein bundesweites Verbot des Films aufgrund des damals geltenden Blasphemie-Verbots zu erwirken, scheiterten in Deutschland jedoch, anders als etwa in Österreich. Da das Blasphemie-Verbot nur dann in Kraft trat, wenn die vermeintliche Gotteslästerung den öffentlichen Frieden zu stören drohte, sahen die Richter von einem Verbot ab. So hielten die Richter in ihrem Urteil fest, dass dem Film dazu das Format fehle; er falle eher in die «Kategorie des Dürftigen, Läppischen, Albernen und Geschmacklosen».

Tatsächlich setzte der Regisseur in «Das Gespenst» nicht nur auf subversive Inhalte – die zitierte Kurzzusammenfassung des Bundesinnenministers lässt es erahnen – sondern auch auf Filmtechniken, die der Filmwissenschaftler Amos Vogel wohl als Subversion der Form bezeichnet hätte: Langatmige und abstruse Dialoge, steif rezitiert, oft und wohl absichtlich dilettantisch wirkend, zuweilen derb, pubertär und ungeschliffen.

Um mehr zu erfahren über filmische Entfremdungstechniken, die Subversion der Form, und die «Ästhetik der Blasphemie» hat royalSCANDALcinema die Filmhistorikerin und Filmwissenschaftlerin Ute Holl eingeladen, die an der Universität Basel den Lehrstuhl für Medienästhetik innehat. Ute Holl forscht und lehrt zur Geschichte und Theorie audiovisueller Wahrnehmung, zur Politik medialer Menschen- und Massenbilder und zur Wahrnehmungsgeschichte des Kinos. Sie wird den Film und dessen Skandalisierung in einer zwanzigminütigen Einführung kontextualisieren.