2. November 2017: Schatten der Engel

SCHATTEN DER ENGEL
[Daniel Schmid, 1976, D, 101 Minuten]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Raphael Rauch (Historiker und Journalist, Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Ein Jude in der Rolle des bösen Immobilienhais! Bereits Rainer Werner Fassbinders Theaterstück «Der Müll, die Stadt und der Tod» über die damalige Kaputtsanierung des Frankfurter Westends verursachte so viel Tumult, dass es zu dessen Lebzeiten nicht aufgeführt werden konnte. Von allen Seiten hagelte es Antisemitismus-Vorwürfe. Und dass ein Vorsitzender des jüdischen Zentralrats sich im Charakter wiederzuerkennen glaubte, stachelte die Diskussionen zusätzlich an. Als Fassbinder auch ein Filmdarlehen verweigert wurde, sollte sich sein Regiefreund Daniel Schmid um die Verfilmung der Geschichte kümmern. Viel mehr Glück hatte dieser mit dem Stoff jedoch auch nicht. Die israelische Delegation verlangte, dass «Schatten der Engel» von Filmfestival Cannes ausgeschlossen würde und bald darauf verschwand das an den Kinokassen erfolglose Werk in den Filmarchiven.

Dabei wollte Fassbinder in seinem Stück unter anderem gerade darlegen, in welchem gesellschaftlichen Klima Antisemitismus wieder aufblühen kann. Was Schmid dann auch mit schemenhaften Protagonisten umsetzte. Stellvertreter für bekannte Stereotypen innerhalb des Systems: der korrupte Politiker, die schöne Hure, der alte Nazi,… Doch der «reiche Jude» war für die fragile Identitätssuche Deutschlands 30 Jahre nach dem Krieg zu viel.

Dennoch bleibt «Schatten der Engel» ein Meilenstein der Deutschen Filmgeschichte – als ein gescheiterter Versuch die historische Schuld mit der damaligen deutschen Realität zusammenzubringen. Ein Versuch, den royalSCANDALcinema gemeinsam mit dem Historiker und Journalisten Raphael Rauch gerne wieder aufnimmt.

SCHATTEN DER ENGEL

Lily Brest – schön, zerbrechlich, lungenkrank – geht auf den Strich, meist vergeblich. Eines Tages taucht der «reiche Jude» auf – Immobilienspekulant, Freund des Polizeipräsidenten – und bezahlt Lily fürs blosse Zuhören 1000 Mark. Ein Betrag, der Raoul, ihr Zuhälter und Freund verzweifeln lässt. Auf den Rat des «reichen Juden» spezialisiert sich Lily aufs Zuhören und gewinnt als Müllschlucker der Mächtigen selbst an Reichtum und Macht. Ein Zustand, den Raoul nicht aushält.

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26. Oktober 2017: Jud Süss

JUD SÜSS
[Veit Harlan, 1940, D, 98 Minuten]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Daniel Wildmann (Direktor des Leo Baeck Institutes für Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums in London und Professor für Geschichte an der Queen Mary, University of London)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Als Veit Harlan 1954 das zweitletzte Negativ seines Films «Jud Süss» in Zürich offiziell verbrannte und damit allfälligen Käufern entzog, wollte er einen Schlussstrich unter eine jahrelange Geschichte setzten. Denn für seinen Film stand der Regisseur nach dem Ende des Dritten Reichs zweimal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter Anklage. Harlan zwar wurde freigesprochen, da er geltend machte, «Jud Süss» unter Zwang realisiert zu haben. Dies hinderte Kritiker jedoch nicht, auch danach zum Boykott gegen den ehemaligen Nazi-Starregisseur aufzurufen. Ähnlich erging es den Hauptdarstellern, die mit Berufsverbot belegt wurden und sich Entnazifizierungsverfahren unterziehen mussten.

Auch wenn nicht gerichtlich verurteil, lud Harlan mit seinem für Nazi-Propaganda-Minister Goebbels produzierten Film einige Schuld auf sich. Insgesamt 20 Millionen Deutsche sahen «Jud Süss», der unter dem Deckmantel einer historischen Geschichte gezielt die Minderwertigkeit der «jüdischen Rasse» suggeriert und Juden stets als strenggläubige, geld- und machtgierige oder zerlumpte Personen darstellt. Zudem verdreht der Film bewusst Tatsachen, um dadurch die Rassengesetze historisch zu begründen – so wurde beispielsweise eine Vergewaltigung einer Christin durch Jud Süss in die Handlung eingeflochten, um so die «Rassenschande» als ein zentrales Motiv zu installieren. Somit eignete sich der Film nicht nur für Sondervorführungen für Soldaten oder die Hitler-Jugend, sondern wurde gezielt in Gebieten gezeigt, in denen Deportationen geplant waren, um die Bevölkerung massenmedial auf diese vorzubereiten.

Zusammen mit Daniel Wildmann, Professor für Geschichte an der Queen Mary, University of London und Direktor des Leo Baeck Institutes für Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums in London widmet sich royalSCANDALcinema einem der verheerendsten Propaganda-Machwerke der Geschichte.

JUD SÜSS

Trotz des herrschenden Judenbanns gelingt es dem Finanzmann Joseph Süss Oppenheimer – ein Jude, der sämtliche antisemitischen Stereotypen in sich zu vereinen scheint – zum Finanzrat des Herzogs Karl Alexander aufzusteigen. Seine rigide Steuerpolitik ermöglicht dem Herzog und ihm zwar ein luxuriöses Leben, lässt die Unzufriedenheit im Volk aber stetig wachsen. Seine Beliebtheit steigert sich auch nicht, als Jud Süss erfolglos um Dorotheas Hand anhält und als Rache für die Abweisung ihren Vater, der dem Aufstand angehört, verhaften lässt.

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28. September 2017: Irréversible

IRRÉVERSIBLE
[Gaspar Noé, 2002, F/d, 97 Minuten, ab 18 Jahren]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Susanne Kappesser (Filmwissenschaftlerin und freie Autorin, Berlin)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Aus welchem Grund sollte man sich ein Film mit neunminütiger Vergewaltigungs-szene und exzessiver Brutalität zumuten? Eine Frage, die sich auch das Publikum bei der Premiere von «Irréversible» in Cannes stellte. Reihenweise verliessen die Gäste die Vorstellung, einige fielen aufgrund des Gezeigten gar in Ohnmacht. Die Radikalität des Films spaltete die Kritiker darauf in zwei Lager. Während die einen bloss brutalen, unmenschlichen Leerlauf entdeckten, lobten die anderen den Film als tiefgründiges Statement über die menschlichen Abgründe unserer vermeintlich sicheren Zivilisation.

«Irréversible» startet mit der Attitüde eines Überfallkommandos, die das Publikum in den ersten Minuten in einen gewaltigen Strudel zieht, ihm heftige Magenschläge verpasst, bevor sich dieses ansatzweise einen Reim auf die Geschichte machen kann. Erst mit der Zeit enthüllt der rückwärts erzählte Rape-Revenge-Movie im schonungslosen Arthouse-Stil die Hintergründe der Taten seiner «Helden», mit denen man sich aufgrund des abscheulichen Anfang jedoch nie echt identifizieren mag.

Ob sich diese bildgewaltige Zumutung nun lohnt, klärt royalSCANDALcinema zum Saisonauftakt zusammen mit der Berliner Autorin und Filmwissenschaftlerin Susanne Kappesser.

IRRÉVERSIBLE

Auf der Suche nach dem Transen-Zuhälter La Ténia stürmen Marcus und Pierre überhitzt die Katakomben des SM-Schwulenclubs «Rectum». Die Szene eskaliert und bald liegt Marcus ausgeliefert, mit gebrochenem Arm am Boden. Mit einem Feuerlöscher drischt Pierre auf den Angreifer ein, bis dessen Gesicht nur noch blutiger Brei ist. Ähnlich heftig wurde Alex – Marcus Freundin – zugerichtet, als La Ténia sie in einer Unterführung brutal vergewaltigt und ins Koma geprügelt hatte. Szene für Szene spult der Film zur Idylle vor dem Rachetrip zurück.

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11. Mai 2017: Kids

KIDS
[Larry Clark, 1995, E/d, 91 Minuten, ab 16 Jahren]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Daniel Knuchel (Sprach- & Literaturwissenschaftler, Universität Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Es war eine raue Welt, die der frühere Fotograf Larry Clark in seinem Erstlingswerk präsentierte: die New Yorker Jugendszene der 1990er-Jahre, mit Partys in verlassenen Gebäuden, Gewalt, Drogen und Sex. Die Geschichte kompromisslos authentisch, in nur zwei Wochen mit Laienschauspieler von der Strasse und einer einfachen Handkamera abgedreht. Ein Weckruf an die moderne Welt, der heikle Themen wie HIV in der Sprache der Teenager darstellt und in Cannes gefeiert wurde.

Doch nicht alle glaubten an Larry Clarks aufklärerische Absicht. In den USA wurde der Film von manchen Zeitungen als voyeuristisches Werk mit pornographischen, ja gar pädophilen Zügen gebrandmarkt und erhielt auch eine entsprechende Altersfreigabe. In der Folge stiess der Disney-Konzern die Verleihrechte des Films ab, da ihm die Reaktionen für sein familienfreundliches Image zu heiss wurden.

Doch steckt in «Kids» tatsächlich mehr als jugendliches Imponiergehabe und Skandal heischende Schlagzeilen? Zum Saisonabschluss nehmen royalSCANDALcinema und der Sprach- & Literaturwissenschaftler Daniel Knuchel diese cineastische Schocktherapie genauer unter die Lupe.

KIDS

Durch New York streifen, klauen, kiffen, saufen und sich prügeln – für die Teenager Telly und Caspar ein Tag wie jeder andere. Doch am anderen Ende des Distrikts erfährt Jenny, dass sie HIV-positiv ist. Da sie erst mit Telly geschlafen hat, muss er sie angesteckt haben. Und während sie die Millionenstadt verzweifelt nach ihm abklappert, hält der selbsternannte Jungfrauenjäger bereits Ausschau nach der nächsten Eroberung.

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6. April 2017: Wehrhafte Schweiz | Ormenis 199+69

Wehrhafte Schweiz
[John Fernhout, 1965, D, 22 Min.]

Ormenis 199+69
[Markus Imhoof, 1969, D, 27 Min.]

Bar 19:30 | Referate und Filme ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführungen: Thomas Schärer (Filmhistoriker, Zürcher Hochschule der Künste) und Rudolf Jaun (em. Professor für Geschichte, ETH & Universität Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Es war nicht einfach, in den 1960er-Jahren einen Film über das Schweizer Militär zu drehen. In Zeiten des kalten Krieges und der geistigen Landesverteidigung war die hiesige Armee mit einer halben Million Miliz-Soldaten eine heilige Kuh und Teil der nationalen Identität. Dies mussten auch John Fernhout und Markus Imhoof erfahren.

In «Wehrhafte Schweiz» liess John Fernhout die Schweizer Armee aus allen Rohren schiessen. Fliegerangriffe, Explosionen und rasante Kamerafahrten sollten die Besucher der Expo 64 in den Bann ziehen. Das Werk wurde von verschiedenen Seiten kritisiert, unter anderem weil in dem actionreichen Film die Miliztradition komplett unterging. Wirklich skandalträchtig war aber die Tatsache, dass ein ausländisches Filmteam den Streifen umsetzen sollte. Das Parlament fürchtete, dass strategische Militärgeheimnisse preisgegeben würden, und die Schweizer Filmschaffenden fühlten sich um einen lukrativen Auftrag geprellt. Trotz allem Tumult wurde der Film an der Expo 64 ein Publikumserfolg und in der Kategorie «Bester Kurzfilm» gar für den Oscar nominiert.

Schlimmer erging es Markus Imhoof, der sich als ehemaliger Kavallerie-Unteroffizier im Dokumentarfilm «Ormenis 199+69» den Schweizer Reitertruppen annahm. Dies zu einer Zeit, in der diskutiert wurde, die Rösseler als unzeitgemässe Truppeneinheit abzuschaffen. Dabei entstand ein Werk, das die einen als poetische Liebeserklärung an die Pferde bezeichneten. Andere stuften den Film jedoch als eine zynische Betrachtung über die Auswüchse einer überfrachteten Milizideologie ein, die sich für die Abschaffung der Kavallerie stark mache. Zu reden gab vor allem eine Szene mit Pferden in Gasmasken. Dies war den Kavallerieverbänden – die den Film ursprünglich finanziell unterstützt hatten – zu viel und sie bewirkten ein Aufführungsverbot, womit der Film lange Zeit nur zensiert und mit gedruckten Richtigstellungen des Artillerieverbands gezeigt werden konnte.

Zusammen mit dem Filmhistoriker Thomas Schärer und dem emeritieren Geschichtsprofessor Rudolf Jaun taucht royalSCANDALcinema in die jüngere Militärgeschichte der Schweiz ein.

2. März 2017: Africa Addio

AFRICA ADDIO
[G. Jacopetti, F. Prosperi, 1966, IT/d, 132 Minuten, ab 18 Jahren]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Wolfgang Fuhrmann (Filmwissenschaftler, Universität Zürich) und
Matthias Uhlmann (Filmwissenschaftler, Universität Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Für ihre zynischen Filmcollagen mit Sensationen, Kuriositäten und Barbarei aus aller Welt wurden Jacopetti und Prosperi gefeiert. Doch für «Africa Addio», einen Film über einen Kontinent im kriegerischen Umbruch steckten die beiden viel Kritik und Anfeindungen ein. In Italien wurden Regisseur und Filmcrew beschuldigt mit Söldnertruppen zusammengearbeitet und ein Erschießungskommando an einen kameratechnisch günstigen Ort dirigiert zu haben. Eine Anklage wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung wurde vom Gericht jedoch abgewiesen.

Noch höhere Wellen schlug der Film in der Schweiz und in Deutschland, wo Studenten, Intellektuelle und Kirchenvertreter den Film als rassistische Propaganda anprangerten. Während Schwarze als brüllende Wilde dargestellt würden, würden Weisse stets als Edelmenschen präsentiert, ohne die Afrika dem Untergang geweiht wäre. Ebenso würden die missglückte Kolonialpolitik und die Gräueltaten der Engländer totgeschwiegen und positive Beispiele afrikanischer Unabhängigkeit einfach ignoriert. Quasi als Beweis, dass sich auch Weisse unzivilisiert benehmen können, wurden während Studentenkundgebungen im West-Berlin mehrere Kinos zerstört, worauf der Film aus dem Verleih genommen wurde.

Zusammen mit den Filmwissenschaftlern Wolfgang Fuhrmann und Matthias Uhlmann, nimmt sich royalSCANDALcinema diesem cineastischen Zeitzeugnis an, dem die deutsche Filmbewertungsstelle wegen des seltenen dokumentarischen Materials trotz allem das Prädikat „wertvoll“ verlieh.

AFRICA ADDIO

Es herrscht Chaos in Ostafrika, als die Briten ihre Kolonien anfangs 1960er Jahre verlassen. Kenia kommt nach den Mau-Mau-Aufständen nicht zur Ruhe, in Sansibar werden tausende Araber brutal niedergemetzelt und auch im Kongo häufen sich die Gräueltaten. Und mittendrin hält ein Filmteam die Kamera immer voll drauf, um die Grausamkeiten für die europäische Heimat schonungslos festzuhalten. Zum Glück können sie sich zwischendurch im Apartheid-Regime von Südafrika erholen. Aber das ist ja nicht Afrika. Noch nicht…

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16. Februar 2017: Fire

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[Deepa Mehta, 1996, HIN,E/d, 104 Minuten, ab 12 Jahren]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Caroline Widmer (Religionswissenschaftl., Universität Zürich & Heidelberg)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Was ist skandalöser? Zwei Frauen, deren Leidenschaft traditionelle Hürden überwindet, oder die Annahme, dass diese Liebe durch die fehlende sexuelle Zuwendung ihrer Männer ausgelöst wurde? Die Antwort fällt je nach Kontinent anders aus.

In Indien sorgte Deepa Mehtas «Fire» vor allem wegen der verbotenen, lesbischen Beziehung für hitzige Reaktionen. Kinos wurden von Traditionalisten angriffen, die Regisseurin mit Mord bedroht und der Film zeitweilig verboten. Dass der Film zudem ein tristes Bild der traditionellen, indischen Grossfamilie zeichnet, trug einiges zur Empörung hinzu. Im Europa und Amerika wurde der Film hingegen als indisches Zeichen für Emanzipation und Individualität gefeiert. Kritik gab es hingegen von westlichen Lesbenbewegungen, die sich an der klischierten Darstellung lesbischer Sexualität störten. Die Mehrheit der indischen Homosexuellen betrachtet den Film jedoch als Meilenstein in ihrer Gleichstellung.

Dabei ging es Deepa Mehta in erster Linie gar nicht darum, einen Lesbenfilm zu drehen. Sie interessierte vielmehr die Frage, ob Menschen die Würde haben, einen eigenen Standpunkt einzunehmen, auch wenn dieser dem traditionellen Glauben entgegengesetzt ist. Eine Frage, die auch die Religionswissenschaftlerin und Indologin Caroline Widmer beschäftigt. Ihre Antworten präsentiert sie diesen Monat im royalSCANDALcinema.

FIRE

Wie es die Tradition verlangt, zieht Sita nach ihrer Heirat zur Familie ihres Mannes Jatin nach Delhi. Doch dieser vergnügt sich lieber mit seiner chinesischen Geliebten und ist Nächte lang ausser Haus. Und auch ihre kinderlose Schwägerin Radha wird von ihrem Mann vernachlässigt, der seit längerem ein religiöses Leben als Asket bevorzugt. Die zwei alleingelassenen Frauen kommen sich näher und zwischen ihnen entfacht ein leidenschaftliches Feuer. Doch dies darf niemand erfahren.

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5. Januar 2017: W. R. Misterije Organizma

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[Dušan Makavejev, 1971, ORG/d, 85 Minuten]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Patricia Pfeifer (Filmwissenschaftlerin, Universitäten Zürich & München)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

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Lange war Jugoslawien eine der innovativsten Filmnationen der Welt. Voller Talente und mit einer liberalen Kulturpolitik, auf die sogar westliche Länder neidisch sein konnten. Und mitten drin: Dušan Makavejev, einer der eigenwilligsten Köpfe des europäischen Autorenkinos, der in den 1960er-Jahren Sex und Politik in surrealistischer Form auf die Leinwand brachte.

rsc_mysteries-of-the-organism_poster_web200Aber mit «W. R. Mysterjie Organizma» – einer subversiv-sinnlichen Collage aus Spiel-, Dokumentar- und Aufklärungsfilm – hatte Makavejev den Bogen überspannt. Versuchte er doch nach eigenen Aussagen mit dem Film den verkrusteten Sozialismus durch die sexuelle Revolution aufzubrechen und wiederzubeleben. International zwar gefeiert, wurde der Film in Jugoslawien schnell verboten. Makavejev wurde aus der Partei ausgeschlossen und bekam ein Berufsverbot. Als ihm auch noch eine Gefängnisstrafe drohte, floh er ins Exil in die USA.

Zusammen mit der Filmwissenschaftlerin Patricia Pfeifer nimmt royalSCANDALcinema einen orgastischen Film unter die Lupe, der noch heute die inspirierende Kraft einer grossen Utopie besitzt.

W. R. MISTERIJE ORGANIZMA

Im sozialistischen Jugoslawien ruft die junge Serbin Milena zu freier Liebe und ungezwungenem Sex auf. Ihr leidenschaftliches Verhältnis mit einem sowjetischen Eiskunstläufer soll als Vorbild für das ganze Land dienen und dem System eine Frischzellenkur verpassen. Und dazwischen: Doku-Schnipsel über den Psychologen Wilhelm Reich, sowie kurze Satirespritzer gegen den „American Way of Life“ und den lustfeindlichen Kommunismus.

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1. Dezember 2016: Freaks

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[Tod Browning, 1932, E/d, 64 Minuten, ab 16 Jahren]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Bernd Herzogenrath (Professor für England- und Amerikastudien, Goethe Universität Frankfurt am Main)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

freaks_filmstill2_web600Es hätte der schlimmste Horrorfilm aller Zeiten werden sollen, gegen den Dracula wie ein harmloses Kindermärchen aussehen würde. Doch am Schluss stand der gefeierte Regisseur Tod Browning mit einem Film da, der vom Studio aus Furcht vor den Reaktionen um einen Drittel zurechtgestutzt wurde und der das entsetzte Publikum trotzdem aus den Kinosälen trieb. Von sämtlichen Kritikern verrissen und in diversen Bundesstaaten verboten, wurde der Film nach nur wenigen Wochen ins Archiv verbannt. Für Browning bedeutete dies das Ende seiner Karriere.

rsc_freaks_poster_web200Grund für die Aufruhr: Gut die Hälfte der Schauspieler waren körperlich behinderte oder missgebildete Laiendarsteller, die sich selbst als gewöhnliche Menschen mit normalen Gefühlen spielten. Damit konnten die Leute in den 1930er-Jahren schlicht nicht umgehen, wurden diese Menschen doch aus der Öffentlichkeit ferngehalten und konnten nur in Freakshows bestaunt werden. Erst nach über 30 Jahren wurde das Werk zufällig durch die New Yorker Undergroundszene wiederentdeckt, avancierte in den 1970ern zum Kultfilm und fand so sein verdientes Publikum und seinen Platz in der Filmgeschichte.

So unterschiedlich die Reaktionen damals und heute auch sein mögen, die Faszination am Makabren und Grotesken bleibt dieselbe. Hierzu lädt royalSCANDALcinema den Frankfurter Browning-Experten Bernd Herzogenrath exklusiv nach Baden ein.

FREAKS

In einem Zirkus verliebt sich der kleinwüchsige Hans in die hübsche Trapez-Artistin Cleopatra, die sich hinter seinem Rücken über ihn lustig macht und sich lieber mit dem Muskelmann Hercules vergnügt. Als sie jedoch von Hans Erbschaft erfährt, beschliesst sie den Kleinwüchsigen zu heiraten und danach zu vergiften, um so an sein Vermögen zu gelangen. Als sie an der Hochzeit aber Hans Zirkus-Kollegen als Freaks beschimpf, fällt ihre Maske und die Truppe sinnt nach Rache.

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3. November 2016: Funny Games

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[Michael Haneke, 1997, D, 104 Minuten, ab 18 Jahren]

Bar 19:30 | Referat und Film ab 20:00 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Simon Spiegel (Filmwissenschaftler, Universität Zürich)
Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Funny_Games_filmstill4_web600Der Film sei eine Schande, schlimmer als Clockwork Orange und gehöre verboten! Die Kollegenschelte für Michael Hanekes «Funny Games» am Filmfestival in Cannes war massiv, überschritt dieser doch bewusst die Grenzen der zumutbaren Gewaltdarstellungen. Im deutschen Feuilleton entbrannte darauf eine heftige Diskussion über Filmgewalt.

rsc_funnygames_poster_web200Begeisterte Stimmen lobten den Film als radikalen Gegenentwurf zur leicht verdaulichen Gewalt des Mainstream-Kinos, der die Sehgewohnheiten der Zuschauer aufbreche und diese als mitschuldig an der cineastischen Gewaltspirale entlarve. Andere kritisierten, dass Haneke mit der zugespitzten Grausamkeit schlussendlich doch nur einen Markt bediene, der ständig auf der Suche nach härterem Stoff sei. Und für dritte bestand der Skandal gar darin, dass eine platte, bildungsbürgerliche und moralinsaure Medienkritik solch hohe Wellen schlagen könne, obwohl sie von der angeprangerten Popkultur offensichtlich keinen blassen Schimmer habe.

Doch wer hat nun Recht? royalSCANDALcinema lädt sein unter Voyeurismus-Verdacht stehendes Publikum ein, diese Frage zusammen mit dem Filmwissenschaftler Simon Spiegel zu entscheiden.

FUNNY GAMES

Anna und Georg fahren mit Sohnemann Schorschi an ihr idyllisches Ferienhaus am See. Kurz nach ihrer Ankunft bekommen sie Besuch von zwei freundlichen jungen Herren, die sich Peter und Paul nennen und paar Eier borgen wollen. Nach wenigen Sätzen geraten sie mit dem Vater in Streitigkeiten und Paul bricht ihm mit einem Golfschläger das Bein. Die zwei jungen Männer bringen die Familie in ihre Gewalt und schlagen eine Wette vor, ob die Familie den nächsten Morgen noch erleben werde. Peter und Paul wetten dagegen.

TRAILER