13. Dezember 2018: Reconstituirea

RECONSTITUIREA
[LUCIAN PINTILIE, 1969, RO/EN, 100 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Patricia Pfeifer (Filmwissenschaftlerin Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Auf dem Höhepunkt gesellschaftspolitischer Liberalisierung brachte Lucian Pintilie 1969 mit «Reconstituirea» einen Film ins Kino, der in vielerlei Hinsicht Kritik am kommunistischen Regime Rumäniens übte. Der wachsende Erfolg des Films gab den Behörden zu denken: Kurz darauf war wieder Schluss mit künstlerischer Freiheit, die Zensur wurde reaktiviert. Eingeführt wird der Film durch Patricia Pfeifer, Filmwissenschaftlerin an der Universität Zürich und profunde Kennerin des osteuropäischen Filmschaffens.

Der Film «Reconstituirea» basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte des jungen Schriftstellers Horia Pătraşcu. Pătraşcu beschreibt darin eine bizarre Szenerie, die sich anfangs der 1960er Jahre in der rumänischen Stadt Caransebeș ereignet haben soll: Ein Milizsoldat behauptet, die beiden Jugendlichen Vuică and Nicu hätten betrunken eine Schlägerei angezettelt. Zusammen mit einem Erzieher, einem Staatsanwalt und einem Kamerateam schleppt er die beiden an den Tatort, wo die Szene für die Kamera nachgestellt werden soll – als Lehrstück gegen Alkoholismus und zur Stärkung der öffentlichen Moral. Der Milizionär zwingt sie, die Szene immer und immer wieder nachzuspielen. Die Parteifunktionäre finden Gefallen an der Demütigung der beiden Jugendlichen. Der Erzieher fordert mehr Realismus. Die Meute grölt aus dem Off. Ein tragisches Ende bahnt sich an.

Als Tragikomödie inszeniert, legte Lucian Pintilie mit «Reconstituirea» eine scharfe Kritik am kommunistischen Regime vor – zu einer Zeit, in welcher Nicolae Ceaușescu, der erst seit drei Jahren an der Macht war, als Hoffnungsträger gehandelt wurde und die Kulturpolitik Rumäniens als gesellschaftspolitisch liberal galt. Pintilie fokussierte auf den Missbrauch von Macht, auf die Inkompetenz und Willkür der Funktionäre und die Gleichgültigkeit der Mitbürger. «Reconstituirea» kann als Metapher gelesen werden für die Abstumpfung einer Gesellschaft, die unter der harten Hand eines totalitären Regimes steht, unfähig ihr Geschick zu kontrollieren, gleichsam indifferent gegenüber Verfolgungen von Mitmenschen.

2004 führte Pintilie in einem Interview aus, dass seine Entscheidung, den Film zu drehen, auch davon beeinflusst war, dass ein im nahestehender Schauspieler und Freund kurz davor wegen Verstosses gegen das rumänische «Sodomie-Gesetz», das Homosexualität unter Strafe stellte, denunziert und verhaftet wurde. Dabei sei dieser gezwungen worden, mit seiner Ehefrau Geschlechtsverkehr zu praktizieren, während die Ermittler daneben standen und dabei zusahen. Ebenso wollte Pintilie ein Zeichen setzen gegen die Ermittlungsmethoden des kommunistischen Regimes, insbesondere jener der Geheimpolizei Securitate, die von abermaligen Verhören und Folterungen geprägt waren. So sollte der Milizionär im Film ursprünglich als Angehöriger der Securitate gezeigt werden, was das Regime allerdings verhinderte. Ob es sich damit einen Gefallen getan hat, steht auf einem anderen Stern: Gerade die Darstellung der Miliz sollte zu einem der meist gewürdigten Aspekte des Films werden, da diese mit den wohlmeinenden Charakterisierungen der Milizionäre in zeitgenössischen Filmen scharf kontrastierte.

Im Kontext einer angestrebten gesellschaftlichen Liberalisierung gestattete das Regime die Aufführung des Films in einzelnen Kinos, wenn auch unter der Bedingung, dass dafür keine Werbung gemacht werden durfte. Mit der steigenden Popularität des Films, der zunehmenden Kritik am Regime und Randalen gegen Angehörige der Miliz, die vermeintlich oder reell im Zusammenhang mit der Vorführung standen, entschieden die Behörden, den Film aus den Kinos zu verbannen. Das Experiment einer liberaleren Filmpolitik wurde für beendet erklärt, die Filmschaffenden wieder unter schärfere Beobachtung gestellt und ihr Schaffen vehementer zensiert.

Der Film wird eingeführt durch die Filmwissenschaftlerin Patricia Pfeifer. Die profunde Kennerin des osteuropäischen Filmschaffens dürfte den regelmässigen Gästen von «royalscandalcinema» mit ihren Referaten zu den beiden Makavejev-Filmen «W. R. Misterije Organizma» und «Sweet Movie» in bester Erinnerung sein.

 

1. November 2018: Do the Right Thing

DO THE RIGHT THING
[SPIKE LEE, 1989, EN/DE, 120 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Monika Dommann (Professorin für Geschichte Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

Kritikerinnen und Kritiker des Films befürchteten, er werde «Rassenunruhen» provozieren, der Regisseur bezeichnete sein Werk als «Apartheidsfilm über die USA». Drei Jahrzehnte vor «BlacKkKlansman» inszenierte Spike Lee mit «Do the Right Thing» eine beklemmende Studie über Gewalt und Rassismus. In einem einleitenden Referat führt Monika Dommann, die mediengeschichtsaffine Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, in die Skandalisierung des Films ein.

Die Szenerie des Films: Eine afroamerikanisch dominierte Nachbarschaft in Brooklyn, New York, an einem der heissesten Tage des Jahres. Leben ins Viertel bringen eine Ein-Mann-Radiostation, der Mini-Markt eines koreanischen Pärchens und Sal’s Pizzeria, das einzige Unternehmen, das von einem Weissen geführt wird. Der Italo-Amerikaner Sal arbeitet dort mit seinen beiden Söhnen, dem intelligenten Vito und dem rassistischen Pino. Als einziger Schwarzer angestellt ist der eher lustlose Austräger Mookie, gespielt durch Spike Lee selbst. Sal ist stolz darauf, dass man ihn in der Umgebung akzeptiert, zelebriert aber auch seine italo-amerikanischen Wurzeln. In der Pizzeria präsentiert er eine «Wall of Fame», die aus Portraits italo-amerikanischer Stars besteht. Als Mookies Freund Buggin’ Out bemerkt, dass in Sal‘s «Wall of Fame» ausschliesslich Weisse abgebildet sind, ruft er zum Boykott der Pizzeria auf. Die Gemüter erhitzen sich, aus Worten werden Taten, es kommt zu Gewalt, die Polizei schreitet brutal ein, die Situation eskaliert.

«Do the Right Thing» ist ein politischer Film, der sich kritisch mit Gentrifizierung, Rassismus und Polizeigewalt auseinandersetzt. Spike Lee wollte damit auf strukturelle Probleme aufmerksam machen, die er als «Apartheid der USA» bezeichnete. Gleichzeitig ging es ihm um eine konkrete politische Intervention: Die Verhinderung einer Wiederwahl des damaligen Bürgermeisters von New York Ed Koch. Koch wurde verantwortlich gemacht für massive Gewaltausschreitungen des Polizeicorps, die – ähnlich wie heute – überwiegend Afroamerikaner*innen betraf. Aufrufe des Radiomoderators, die Bewohner*innen des Viertels sollen sich an den Wahlen beteiligen und Graffitis mit dem Slogan «Dump Koch» («Werft Koch auf den Müll») nehmen darauf Bezug.

Kritiker*innen befürchteten, der Film würde zu mehr Spannungen zwischen Afroamerikanern und Weissen führen und warnten davor, der Film würde das schwarze Publikum zu gewalttätigen Aufruhren anstacheln. Gerade darin sahen wiederum andere das eigentliche Problem: Die Annahme, schwarze Zuschauer*innen würden sich von Gewalttaten im Kino inspirieren lassen, während das bei weissen Zuschauer*innen und weissen Identifikationsfiguren kaum problematisiert würde. Spike Lee meinte dazu: «I don’t remember people saying people were going to come out of theatres killing people after they watched Arnold Schwarzenegger films.»

Inwiefern Gewalt ein legitimes politisches Mittel darstellt, wird in der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA seit je kontrovers diskutiert. Die einen plädierten und plädieren für einen pazifistischen Weg in der Tradition von Martin Luther King, die anderen meinen mit Malcolm X, Kings gewaltloser Ansatz führe zu nichts. Gerechtigkeit müsse nicht bei den Weissen erbettelt, sondern erkämpft werden, durch Wahlen oder Kugeln («The ballot or the bullet»). Spike Lee schliesst den Film, indem er erst Martin Luther King, dann Malcolm X zitiert und anschliessend ein Bild zeigt, auf welchem sich die Beiden die Hände schütteln, überlässt die Deutung dieser Montage allerdings dem Publikum

Der Film wird eingeführt durch Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Sie forscht zur Verflechtungsgeschichte der Karibik, Europas und Nordamerikas, zur Geschichte des Marktes, zur Geschichte materieller Kulturen und immaterieller Güter – und hat ein ausgewiesenes Faible für Spielfilme und Popkultur.

 

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4. Oktober 2018: Ursula

URSULA
[EGON GÜNTHER, 1978, DE, 111 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Thomas Beutelschmidt (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

royalscandalcinema startet am 4. Oktober 2018 im Kulturlokal Royal Baden in die neue Saison mit «Ursula» von Egon Günther, die erste und einzige Koproduktion des Fernsehens der DDR und des Schweizer Fernsehens. Die unkonventionelle Interpretation der Novelle «Ursula» von Gottfried Keller löste in der Schweiz, wie auch in der DDR Empörung aus. Gemeinsam mit Thomas Beutelschmidt, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, geht royalscandalcinema dieser Skandalisierung auf den Grund.

Im Jahr 1523 kehrt der Söldner Hansli Gyr zu seiner Verlobten Ursula Schnurrenberger ins Zürcher Oberland zurück. In seiner Abwesenheit hat  ein religiöser Umbruch stattgefunden: In der Stadt Zürich huldigte man Huldrych Zwinglis Lehren, im Zürcher Oberland hat sich das Täufertum verbreitet. Auch Ursula hat sich den Täufern zugewandt, zum völligen Unverständnis Hanslis. Der Entzweiung der beiden führt dazu, dass Hansli in Zürich Antworten auf die neuen religiösen Verhältnisse sucht – und zum Anhänger Zwinglis wird. Währenddessen werden Ursula und ihre Täufergemeinde zur Zielscheibe des Reformators.

In der DDR landete «Ursula» nach der Erstausstrahlung im Giftschrank. Auch in der Schweiz waren die Reaktionen auf den Film heftig. Das Schweizer Fernsehen erhielt eine Vielzahl an Briefen empörter Zuschauerinnen und Zuschauern. Die darin enthaltenen Kommentare lauteten von «Der Gottfried Keller hat sich sicher im Grabe umgedreht.» und «Die Gestalt des grossen Reformators Zwingli wurde verzerrt und bösartig gestaltet.» bis hin zu «Wer sind die Verantwortlichen, die uns am Reformationssonntag die pornographische Schweinerei ‹Ursula› zumuteten?».

Die Kritik zielte auf Form und Inhalt. Die Inszenierung sei zu expressiv und zu theatralisch gewesen. Durch die zerhackte und verwirrende Erzählweise sei das Verständnis des Films für die Zuschauenden erschwert worden. Das Vorhandensein von Strommasten in der Landschaft des 16. Jahrhunderts, der Einsatz eines Deltaseglers und der Gebrauch von Schimpfwörtern aus den 1970er Jahren wurden nicht goutiert.

Scharf kritisiert – zumindest unter dialektaffinen Zuschauenden aus der Schweiz – wurde der Sprachgebrauch. Der Film wird in Hochdeutsch gesprochen, einige Szenen jedoch auf Schweizerdeutsch. Dass die von der Schauspielerin Suzanne Stoll gespielte Ursula («eine Zürcher Oberländerin!») in jenen Szenen auf Baseldeutsch Schimpftiraden zum Besten gibt, störte die Verfechterinnen und Verfechter einer dialektalen Authentizität.

Schlagkräftiger waren die Kritikpunkte auf inhaltlicher Ebene: Die Darstellung Zwinglis und der Täufer sei historisch verkürzt. Zwingli wirke hart und unmenschlich; die Täufer als eine sektiererische Gruppe, die sich sexuellen Ausschweifungen hingibt. Letzteres brachte dem Film auch den Vorwurf der Pornographie ein. Die Advokaten der «geistigen Landesverteidigung» vermuteten eine subversive kommunistische Agitation, eine marxistische Lesart der zürcherischen Reformation und meinten, das Schweizer Fernsehen habe sich durch Günther und die DDR instrumentalisieren lassen.

Für mehr Hintergrund zu diesem kontrovers diskutierten Film wird Thomas Beutelschmidt in seinem Einführungsreferat sorgen. Er ist Leiter des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts «Grenzüberschreitungen: Internationaler Programmaustausch als interkulturelle Kommunikation zwischen West- und Osteuropa am Beispiel des DDR-Fernsehens» und assoziierter Forscher am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Als Medienhistoriker, Ausstellungskurator, Regisseur und Publizist hat er sich intensiv mit Film und Fernsehen der DDR auseinandergesetzt – unter anderem mit der  «Geschichte der Literaturverfilmung Ursula von Egon Günther».

21. August 2018: The Death of Stalin

THE DEATH OF STALIN
[ARMANDO IANUCCI, 2017, EN/DE, 106 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Ulrich Schmid (Professor für Geschichte und Kultur Russlands, Universität St. Gallen)

24h Shop, Langstrasse 62, 8004 Zürich

 

Ein rabenschwarzer Politthriller, eine bitterböse Satire, eine antiautoritäre Parabel oder ein destabilisierendes Machwerk antirussischer Propaganda: Armando Ianucci’s Film über Stalins Tod und die darauffolgenden Machtkämpfe unterliegt unterschiedlichen Wertungen. In Russland wurde er mit einem Aufführungsverbot belegt. Ulrich Schmid, Professor für Geschichte und Kultur Russlands, wird den Film und seine Skandalisierung kontextualisieren. Die Vorführung findet im Rahmen des Kulturprogramms «24h Shop» an der Zürcher Langstrasse statt.

 

Wir schreiben das Jahr 1953: Josef Wissarionowitsch Stalin erleidet in seiner Datscha einen Schlaganfall. Niemand wagt es, sich dem in seiner Urinlache liegenden Diktator zu nähern, bis nur noch sein Tod festgestellt werden kann. Nach und nach treffen die Mitglieder des Zentralkomitees ein. Es gilt, sich für das Ränkespiel um seine Nachfolge in Stellung zu bringen. Allianzen werden geschmiedet, Intrigen gesponnen, geheime Absprachen getroffen – und wieder gebrochen. Während die trauernden Massen zu Stalins Begräbnis pilgern, versuchen sich seine politischen Zöglinge gegenseitig auszustechen.

Armando Iannuccis «The Death of Stalin» zeichnet ein bitterböses Gemälde der chaotischen Zustände nach Stalins Ableben, eine Politsatire voll von absurdem Slapstick, schwarzem Humor und bitterbösen Dialogen. Ein glänzendes Komödianten-Ensemble mimt den innersten Zirkel der Macht: Jeffrey Tambor als Malenkow, Steve Buscemi als Chruschtschow, Simon Russell Beale als Beria und Michael Palin als Molotow. Das Drehbuch basiert auf der gleichnamigen Comicserie von Fabien Nury und Thierry Robins, die als Parabel auf die Absurdität totalitärer Regimes gelesen werden wollte, mehr oder weniger an historischen Fakten orientiert – oder wie die Autoren schrieben: «Eine wahre Geschichte – auf sowjetische Art.»

Iannuccis Film provozierte kontroverse Reaktionen. Die einen monierten, dass der Film die Opfer des stalinistischen Terrors verhöhne und dessen Regime verharmlose. Andere sahen die Stärke des Films gerade in seiner zynischen Auseinandersetzung mit den Funktionsweisen autoritärer Macht. Ianuccis Satire ziele nicht bloss auf Stalin als machtbesessenen Diktator (und seinen Führungszirkel), sondern nehme allgemein politische Konstellationen aufs Korn, die von autoritärer Herrschaft, Kriechertum, Denunziation und Gewalt geprägt sind.

In den Vereinigten Staaten wurde der Film von Trump-Kritikerinnen als Vorlage genommen, um dessen Kabinett zu kritisieren. In einigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion – in Russland, Weissrussland, Kasachstan und Kirgistan – wurde der Film mit Aufführungsverboten sanktioniert. In Russland wurde das Verbot zwei Tage vor den geplanten, landesweiten Premieren ausgesprochen. Als Verbotsgründe wurden etwa «Blasphemie», die «Verunglimpfung nationaler Symbole» (wie zum Beispiel der sowjetischen Nationalhymne), eine «Beleidigung der sowjetischen Vergangenheit» und die Absicht des Films, Russland zu destabilisieren, indem er «Risse in der Gesellschaft» provozieren würde.

Nachdem der russische Kulturminister Medinsky den Film anfänglich mit Verweis auf die geltende Redefreiheit zugelassen hatte, entschied er sich nach Protesten politischer Exponenten für ein Verbot des Filmes. Er meinte dazu: «Bei uns gibt es keine Zensur, aber es gibt moralische Grenzen zwischen einer kritischen Analyse der Geschichte und ihrer Verhöhnung.» Wie so oft wurde der Film dadurch umso gefragter: Nach dem Vorführungsverbot stiegen die Downloadraten exponentiell an. Ein Kino liess den Film vor gefüllten Rängen in fünf Vorstellungen zeigen, bis die Polizei den Saal mit Verve räumte.

Vor der Filmvorführung wird Ulrich Schmid «The Death of Stalin» und seine Skandalisierung in einem einleitenden Referat kontextualisieren. Er wird auf das Vorführungsverbot in Russland eingehen, einen generellen Exkurs zur Politisierung von Geschichte in Russland vornehmen und die Kontroverse um den Film in diesem Rahmen erörtern.

Ulrich Schmid ist Professor für Geschichte und Kultur Russlands an der Universität St. Gallen. Er war Visiting Fellow an der Harvard University, Gastforscher an der Universität Oslo, Assistenzprofessor erst in Basel, dann in Bern und – als vorläufig vorletzte Station – Professor für Slavische Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Schmid beschäftigt und beschäftigte sich intensiv mit der Untersuchung von Nationalismus in Osteuropa, osteuropäischer Kulturpolitik, russischen Medientheorien und der Politisierung von Kultur und Geschichte.

Die royalSCANDALcinema-Reihe findet für einmal in Zürich statt. Im Rahmen des einmonatigen Kulturprogramms «24h Shop» wird der Film an der Langstrasse 62 gezeigt.

 

 

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3. Mai 2018: Cruising

CRUISING
[WILLIAM FRIEDKIN, 1980, E/DE, 102 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Johannes Binotto (Kultur- und Medienwissenschaftler, Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

 


Ein spannender Thriller mit Fokus auf Identitätsverlust oder ein homophober Krimi? William Friedkin hat mit seinem Film «Cruising» Empörung und Wut auf sich gezogen. Zusammen mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Johannes Binotto nimmt royalSCANDALcinema eine Kontextualisierung des Films und seiner Skandalisierung vor.

New York in den 1970er Jahren: Ein heisser Sommer – Leichenteile schwimmen im New Yorker Hudson River. Die Polizei vermutet einen Serienkiller, der gezielt Homosexuelle tötet und schickt den Polizisten Steve Burns undercover ins Schwulenmilieu des West Villages. Dort nimmt er sich eine Wohnung, freundet sich mit Nachbarn an, und beginnt, die S/M-Clubs der homosexuellen Gemeinschaft aufzusuchen. Burns taucht tief in die Szene ein, verzweifelt im Angesicht des eigenen Identitätsverlustes und der unaufhaltsamen Gewalt: Sein heteronormatives Weltbild erhält Risse, die Beziehung zu seiner Freundin wird auf eine harte Probe gestellt, die Mordserie reisst nicht ab. Der Film wird seinem doppeldeutigen Namen gerecht – ein Polizist auf Streife und Homosexuelle auf der Suche nach Sex.

Viele Homosexuelle empfanden den Film als homophob, andere dagegen unterstützten die Dreharbeiten. Der Film wurde hauptsächlich in Schwulenclubs gedreht. Viele Statisten wurden innerhalb der Schwulenszene rekrutiert. Gleichzeitig liefen Homosexuellenverbände bereits während der Dreharbeiten Sturm. Sie kritisierten die Reduktion und Stereotypisierung der homosexuellen Szene auf ihre Leder-tragende Subkultur, auf Dark Rooms, körperbetonte Kleidung und Promiskuität. Durch die als gewalttätig dargestellte Gay-Szene würden Vorurteile gegenüber Homosexuellen gefördert. Ein Höhepunkt der Proteste war eine Demonstration von 1000 Menschen gegen die städtische Unterstützung der Dreharbeiten. Rund 300 Polizisten schützten zeitweise die Clubs, einige Szenen mussten nachgespielt und nachgesprochen werden, da sich Demonstranten auf das Dach und in die Nachbarappartements der Drehorte schlichen und dort laute Musik abspielten, auf dem Dach herumsprangen und mit Spiegeln störende Lichtreflexionen erzeugten. Nach Erscheinen des Films flachten die Proteste und Kritiken ab und fokussierten sich auf filmische Fragen, die Charakterentwicklung von Burns oder das – für viele unbefriedigende – Ende.
Zusammen mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Johannes Binotto kontextualisiert royalSCANDALcinema den Film und seine Skandalisierung. Binotto ist Post-Doc-Researcher am Englischen Seminar der Universität Zürich, wo er mit einer Studie zum unheimlichen Raum in Kunst, Literatur und Film promoviert hat. Als Forscher, freier Autor, Redaktor des Filmmagazins «Filmbulletin» und als Redaktionsmitglied von «RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse» spürt er den Schnittstellen zwischen Kinogeschichte, Filmtechnik, Psychoanalyse und Raumanalyse nach. Als Dozent für Filmtheorie lehrt er an der Hochschule Luzern Design+Kunst, am Zürcher Lacan-Seminar und an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli.
Wie immer präsentiert royalSCANDALcinema den Film auf Grossleinwand und in Originalsprache. Die gemütliche Atmosphäre eines traditionsreichen Badener Kinos, ergänzt durch einen sympathischen Barbetrieb mit breitem Sortiment lädt zu spannenden Diskussionen ein.

 

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