4. Oktober 2018: Ursula

URSULA
[EGON GÜNTHER, 1978, DE, 111 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Thomas Beutelschmidt (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

royalscandalcinema startet am 4. Oktober 2018 im Kulturlokal Royal Baden in die neue Saison mit «Ursula» von Egon Günther, die erste und einzige Koproduktion des Fernsehens der DDR und des Schweizer Fernsehens. Die unkonventionelle Interpretation der Novelle «Ursula» von Gottfried Keller löste in der Schweiz, wie auch in der DDR Empörung aus. Gemeinsam mit Thomas Beutelschmidt, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, geht royalscandalcinema dieser Skandalisierung auf den Grund.

Im Jahr 1523 kehrt der Söldner Hansli Gyr zu seiner Verlobten Ursula Schnurrenberger ins Zürcher Oberland zurück. In seiner Abwesenheit hat  ein religiöser Umbruch stattgefunden: In der Stadt Zürich huldigte man Huldrych Zwinglis Lehren, im Zürcher Oberland hat sich das Täufertum verbreitet. Auch Ursula hat sich den Täufern zugewandt, zum völligen Unverständnis Hanslis. Der Entzweiung der beiden führt dazu, dass Hansli in Zürich Antworten auf die neuen religiösen Verhältnisse sucht – und zum Anhänger Zwinglis wird. Währenddessen werden Ursula und ihre Täufergemeinde zur Zielscheibe des Reformators.

In der DDR landete «Ursula» nach der Erstausstrahlung im Giftschrank. Auch in der Schweiz waren die Reaktionen auf den Film heftig. Das Schweizer Fernsehen erhielt eine Vielzahl an Briefen empörter Zuschauerinnen und Zuschauern. Die darin enthaltenen Kommentare lauteten von «Der Gottfried Keller hat sich sicher im Grabe umgedreht.» und «Die Gestalt des grossen Reformators Zwingli wurde verzerrt und bösartig gestaltet.» bis hin zu «Wer sind die Verantwortlichen, die uns am Reformationssonntag die pornographische Schweinerei ‹Ursula› zumuteten?».

Die Kritik zielte auf Form und Inhalt. Die Inszenierung sei zu expressiv und zu theatralisch gewesen. Durch die zerhackte und verwirrende Erzählweise sei das Verständnis des Films für die Zuschauenden erschwert worden. Das Vorhandensein von Strommasten in der Landschaft des 16. Jahrhunderts, der Einsatz eines Deltaseglers und der Gebrauch von Schimpfwörtern aus den 1970er Jahren wurden nicht goutiert.

Scharf kritisiert – zumindest unter dialektaffinen Zuschauenden aus der Schweiz – wurde der Sprachgebrauch. Der Film wird in Hochdeutsch gesprochen, einige Szenen jedoch auf Schweizerdeutsch. Dass die von der Schauspielerin Suzanne Stoll gespielte Ursula («eine Zürcher Oberländerin!») in jenen Szenen auf Baseldeutsch Schimpftiraden zum Besten gibt, störte die Verfechterinnen und Verfechter einer dialektalen Authentizität.

Schlagkräftiger waren die Kritikpunkte auf inhaltlicher Ebene: Die Darstellung Zwinglis und der Täufer sei historisch verkürzt. Zwingli wirke hart und unmenschlich; die Täufer als eine sektiererische Gruppe, die sich sexuellen Ausschweifungen hingibt. Letzteres brachte dem Film auch den Vorwurf der Pornographie ein. Die Advokaten der «geistigen Landesverteidigung» vermuteten eine subversive kommunistische Agitation, eine marxistische Lesart der zürcherischen Reformation und meinten, das Schweizer Fernsehen habe sich durch Günther und die DDR instrumentalisieren lassen.

Für mehr Hintergrund zu diesem kontrovers diskutierten Film wird Thomas Beutelschmidt in seinem Einführungsreferat sorgen. Er ist Leiter des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts «Grenzüberschreitungen: Internationaler Programmaustausch als interkulturelle Kommunikation zwischen West- und Osteuropa am Beispiel des DDR-Fernsehens» und assoziierter Forscher am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Als Medienhistoriker, Ausstellungskurator, Regisseur und Publizist hat er sich intensiv mit Film und Fernsehen der DDR auseinandergesetzt – unter anderem mit der  «Geschichte der Literaturverfilmung Ursula von Egon Günther».

21. August 2018: The Death of Stalin

THE DEATH OF STALIN
[ARMANDO IANUCCI, 2017, EN/DE, 106 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Ulrich Schmid (Professor für Geschichte und Kultur Russlands, Universität St. Gallen)

24h Shop, Langstrasse 62, 8004 Zürich

 

Ein rabenschwarzer Politthriller, eine bitterböse Satire, eine antiautoritäre Parabel oder ein destabilisierendes Machwerk antirussischer Propaganda: Armando Ianucci’s Film über Stalins Tod und die darauffolgenden Machtkämpfe unterliegt unterschiedlichen Wertungen. In Russland wurde er mit einem Aufführungsverbot belegt. Ulrich Schmid, Professor für Geschichte und Kultur Russlands, wird den Film und seine Skandalisierung kontextualisieren. Die Vorführung findet im Rahmen des Kulturprogramms «24h Shop» an der Zürcher Langstrasse statt.

 

Wir schreiben das Jahr 1953: Josef Wissarionowitsch Stalin erleidet in seiner Datscha einen Schlaganfall. Niemand wagt es, sich dem in seiner Urinlache liegenden Diktator zu nähern, bis nur noch sein Tod festgestellt werden kann. Nach und nach treffen die Mitglieder des Zentralkomitees ein. Es gilt, sich für das Ränkespiel um seine Nachfolge in Stellung zu bringen. Allianzen werden geschmiedet, Intrigen gesponnen, geheime Absprachen getroffen – und wieder gebrochen. Während die trauernden Massen zu Stalins Begräbnis pilgern, versuchen sich seine politischen Zöglinge gegenseitig auszustechen.

Armando Iannuccis «The Death of Stalin» zeichnet ein bitterböses Gemälde der chaotischen Zustände nach Stalins Ableben, eine Politsatire voll von absurdem Slapstick, schwarzem Humor und bitterbösen Dialogen. Ein glänzendes Komödianten-Ensemble mimt den innersten Zirkel der Macht: Jeffrey Tambor als Malenkow, Steve Buscemi als Chruschtschow, Simon Russell Beale als Beria und Michael Palin als Molotow. Das Drehbuch basiert auf der gleichnamigen Comicserie von Fabien Nury und Thierry Robins, die als Parabel auf die Absurdität totalitärer Regimes gelesen werden wollte, mehr oder weniger an historischen Fakten orientiert – oder wie die Autoren schrieben: «Eine wahre Geschichte – auf sowjetische Art.»

Iannuccis Film provozierte kontroverse Reaktionen. Die einen monierten, dass der Film die Opfer des stalinistischen Terrors verhöhne und dessen Regime verharmlose. Andere sahen die Stärke des Films gerade in seiner zynischen Auseinandersetzung mit den Funktionsweisen autoritärer Macht. Ianuccis Satire ziele nicht bloss auf Stalin als machtbesessenen Diktator (und seinen Führungszirkel), sondern nehme allgemein politische Konstellationen aufs Korn, die von autoritärer Herrschaft, Kriechertum, Denunziation und Gewalt geprägt sind.

In den Vereinigten Staaten wurde der Film von Trump-Kritikerinnen als Vorlage genommen, um dessen Kabinett zu kritisieren. In einigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion – in Russland, Weissrussland, Kasachstan und Kirgistan – wurde der Film mit Aufführungsverboten sanktioniert. In Russland wurde das Verbot zwei Tage vor den geplanten, landesweiten Premieren ausgesprochen. Als Verbotsgründe wurden etwa «Blasphemie», die «Verunglimpfung nationaler Symbole» (wie zum Beispiel der sowjetischen Nationalhymne), eine «Beleidigung der sowjetischen Vergangenheit» und die Absicht des Films, Russland zu destabilisieren, indem er «Risse in der Gesellschaft» provozieren würde.

Nachdem der russische Kulturminister Medinsky den Film anfänglich mit Verweis auf die geltende Redefreiheit zugelassen hatte, entschied er sich nach Protesten politischer Exponenten für ein Verbot des Filmes. Er meinte dazu: «Bei uns gibt es keine Zensur, aber es gibt moralische Grenzen zwischen einer kritischen Analyse der Geschichte und ihrer Verhöhnung.» Wie so oft wurde der Film dadurch umso gefragter: Nach dem Vorführungsverbot stiegen die Downloadraten exponentiell an. Ein Kino liess den Film vor gefüllten Rängen in fünf Vorstellungen zeigen, bis die Polizei den Saal mit Verve räumte.

Vor der Filmvorführung wird Ulrich Schmid «The Death of Stalin» und seine Skandalisierung in einem einleitenden Referat kontextualisieren. Er wird auf das Vorführungsverbot in Russland eingehen, einen generellen Exkurs zur Politisierung von Geschichte in Russland vornehmen und die Kontroverse um den Film in diesem Rahmen erörtern.

Ulrich Schmid ist Professor für Geschichte und Kultur Russlands an der Universität St. Gallen. Er war Visiting Fellow an der Harvard University, Gastforscher an der Universität Oslo, Assistenzprofessor erst in Basel, dann in Bern und – als vorläufig vorletzte Station – Professor für Slavische Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Schmid beschäftigt und beschäftigte sich intensiv mit der Untersuchung von Nationalismus in Osteuropa, osteuropäischer Kulturpolitik, russischen Medientheorien und der Politisierung von Kultur und Geschichte.

Die royalSCANDALcinema-Reihe findet für einmal in Zürich statt. Im Rahmen des einmonatigen Kulturprogramms «24h Shop» wird der Film an der Langstrasse 62 gezeigt.

 

 

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3. Mai 2018: Cruising

CRUISING
[WILLIAM FRIEDKIN, 1980, E/DE, 102 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Johannes Binotto (Kultur- und Medienwissenschaftler, Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

 


Ein spannender Thriller mit Fokus auf Identitätsverlust oder ein homophober Krimi? William Friedkin hat mit seinem Film «Cruising» Empörung und Wut auf sich gezogen. Zusammen mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Johannes Binotto nimmt royalSCANDALcinema eine Kontextualisierung des Films und seiner Skandalisierung vor.

New York in den 1970er Jahren: Ein heisser Sommer – Leichenteile schwimmen im New Yorker Hudson River. Die Polizei vermutet einen Serienkiller, der gezielt Homosexuelle tötet und schickt den Polizisten Steve Burns undercover ins Schwulenmilieu des West Villages. Dort nimmt er sich eine Wohnung, freundet sich mit Nachbarn an, und beginnt, die S/M-Clubs der homosexuellen Gemeinschaft aufzusuchen. Burns taucht tief in die Szene ein, verzweifelt im Angesicht des eigenen Identitätsverlustes und der unaufhaltsamen Gewalt: Sein heteronormatives Weltbild erhält Risse, die Beziehung zu seiner Freundin wird auf eine harte Probe gestellt, die Mordserie reisst nicht ab. Der Film wird seinem doppeldeutigen Namen gerecht – ein Polizist auf Streife und Homosexuelle auf der Suche nach Sex.

Viele Homosexuelle empfanden den Film als homophob, andere dagegen unterstützten die Dreharbeiten. Der Film wurde hauptsächlich in Schwulenclubs gedreht. Viele Statisten wurden innerhalb der Schwulenszene rekrutiert. Gleichzeitig liefen Homosexuellenverbände bereits während der Dreharbeiten Sturm. Sie kritisierten die Reduktion und Stereotypisierung der homosexuellen Szene auf ihre Leder-tragende Subkultur, auf Dark Rooms, körperbetonte Kleidung und Promiskuität. Durch die als gewalttätig dargestellte Gay-Szene würden Vorurteile gegenüber Homosexuellen gefördert. Ein Höhepunkt der Proteste war eine Demonstration von 1000 Menschen gegen die städtische Unterstützung der Dreharbeiten. Rund 300 Polizisten schützten zeitweise die Clubs, einige Szenen mussten nachgespielt und nachgesprochen werden, da sich Demonstranten auf das Dach und in die Nachbarappartements der Drehorte schlichen und dort laute Musik abspielten, auf dem Dach herumsprangen und mit Spiegeln störende Lichtreflexionen erzeugten. Nach Erscheinen des Films flachten die Proteste und Kritiken ab und fokussierten sich auf filmische Fragen, die Charakterentwicklung von Burns oder das – für viele unbefriedigende – Ende.
Zusammen mit dem Kultur- und Medienwissenschaftler Johannes Binotto kontextualisiert royalSCANDALcinema den Film und seine Skandalisierung. Binotto ist Post-Doc-Researcher am Englischen Seminar der Universität Zürich, wo er mit einer Studie zum unheimlichen Raum in Kunst, Literatur und Film promoviert hat. Als Forscher, freier Autor, Redaktor des Filmmagazins «Filmbulletin» und als Redaktionsmitglied von «RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse» spürt er den Schnittstellen zwischen Kinogeschichte, Filmtechnik, Psychoanalyse und Raumanalyse nach. Als Dozent für Filmtheorie lehrt er an der Hochschule Luzern Design+Kunst, am Zürcher Lacan-Seminar und an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli.
Wie immer präsentiert royalSCANDALcinema den Film auf Grossleinwand und in Originalsprache. Die gemütliche Atmosphäre eines traditionsreichen Badener Kinos, ergänzt durch einen sympathischen Barbetrieb mit breitem Sortiment lädt zu spannenden Diskussionen ein.

 

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5. April 2018: Das Gespenst

DAS GESPENST
[HERBERT ACHTERNBUSCH, 1982, DE, 84 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Ute Holl (Professorin für Medienästhetik, Universität Basel)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

 

Der 42. Heiland eines bayrischen Frauenklosters steigt vom Kreuz ins Bett der Mutter Oberin, verwandelt sich hie und da in eine Schlange, setzt sich mit der Polizei auseinander und sinniert über Gott und die Welt. Die Skandalfilmreihe royalSCANDALcinema zeigt – passend zu Ostern – den 1982 von Herbert Achternbusch gedrehten Film «Das Gespenst», mit einer Einführung durch Ute Holl, Professorin für Medienästhetik an der Universität Basel.

Als «Das Gespenst» 1982 in die Kinos kam, bahnte sich eine Skandalisierung an, welche tiefgreifende Folgen für die deutsche Filmförderung haben sollte. An ihm lassen sich ganz unterschiedliche gesellschaftliche Bruchlinien aufzeigen: Von der katholischen Kirche wurde «Das Gespenst» als blasphemisches Machwerk bezeichnet, von der Jury der Evangelischen Filmarbeit hingegen zum «Film des Monats» gekürt. In der Begründung ihres Entscheides schrieb die Jury: «Davon überzeugt, dass Unbequemes nicht durch Totschweigen aus der Welt geschafft werden kann, tritt [die Jury] dafür ein, gerade einen derart ‹anstössigen› Film einer Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten, die so gerne als mündig bezeichnet wird.» Diese Einschätzung stiess beim Leiter der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz auf wenig Verständnis. Er sah in der Auszeichnung eine «ernste Belastung» des ökumenischen Dialogs. Der Medienpädagoge Johannes Gawert wiederum lobte den Film als verwirrten und verwirrenden, aber dringend nötigen Versuch, «so etwas wie eine ‹Frömmigkeit nach Auschwitz› zu formulieren, die nicht mehr in schlichter Einfalt und kindlichem Gottvertrauen aufgehen kann […].»
Für den deutschen Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann war der Fall allerdings klar. Er brandmarkte den Film öffentlich als «widerwärtiger, blasphemischer und säuischer» Film. Besonders sauer stiess dem CSU-Politiker auf, dass der Film durch öffentliche Gelder mitfinanziert wurde. In einem Interview mit dem Spiegel meinte er: «Ich lasse nicht zu, dass mit Steuergeldern gefördert wird, dass einem Christus am Kreuz eine Schweinszunge aus dem Munde hängt, dass Kröten gekreuzigt werden und dass besoffene Polizisten ihre Notdurft in ein Schnapsglas verrichten, während ununterbrochen auf der Polizeiwache das Telefon läutet, aber niemand hingeht, um die Assoziation zu erwecken, bei der Polizei brauchst du nicht anzurufen […].»
Als der Bundesinnenminister in der Folge Fördergelder zurückhielt, die Achternbusch bereits zugesprochen wurden, solidarisierten sich zahlreiche Filmschaffende mit dem Regisseur: Während der Verleihung des Bundesfilmpreises protestierten sie als Gespenster verkleidet gegen die Massnahme. Ebenso öffentlichkeitswirksam inszenierten sich die Gegner des Films, etwa in München, wo sich zu Christi Himmelfahrt über tausend katholische Pfadfinder zu einer Sühneprozession für den Sünder Achternbusch versammelten, durch die Stadtmitte ziehend bis zur Mariensäule vor dem Münchner Rathaus, einem nicht nur politisch, sondern auch religiös zentralen Platz der bayrischen Hauptstadt.

Versuche, ein bundesweites Verbot des Films aufgrund des damals geltenden Blasphemie-Verbots zu erwirken, scheiterten in Deutschland jedoch, anders als etwa in Österreich. Da das Blasphemie-Verbot nur dann in Kraft trat, wenn die vermeintliche Gotteslästerung den öffentlichen Frieden zu stören drohte, sahen die Richter von einem Verbot ab. So hielten die Richter in ihrem Urteil fest, dass dem Film dazu das Format fehle; er falle eher in die «Kategorie des Dürftigen, Läppischen, Albernen und Geschmacklosen».

Tatsächlich setzte der Regisseur in «Das Gespenst» nicht nur auf subversive Inhalte – die zitierte Kurzzusammenfassung des Bundesinnenministers lässt es erahnen – sondern auch auf Filmtechniken, die der Filmwissenschaftler Amos Vogel wohl als Subversion der Form bezeichnet hätte: Langatmige und abstruse Dialoge, steif rezitiert, oft und wohl absichtlich dilettantisch wirkend, zuweilen derb, pubertär und ungeschliffen.

Um mehr zu erfahren über filmische Entfremdungstechniken, die Subversion der Form, und die «Ästhetik der Blasphemie» hat royalSCANDALcinema die Filmhistorikerin und Filmwissenschaftlerin Ute Holl eingeladen, die an der Universität Basel den Lehrstuhl für Medienästhetik innehat. Ute Holl forscht und lehrt zur Geschichte und Theorie audiovisueller Wahrnehmung, zur Politik medialer Menschen- und Massenbilder und zur Wahrnehmungsgeschichte des Kinos. Sie wird den Film und dessen Skandalisierung in einer zwanzigminütigen Einführung kontextualisieren.

1. März 2018: All Quiet on the Western Front

ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT
[LEWIS MILESTONE, 1930, EN/DE, 152 MINUTEN]

Bar 20:00 | Referat und Film ab 20:30 | Eintritt: Kollekte
Einführung: Elisabeth Bronfen (Professorin für Anglistik, Universität Zürich)

Kulturbetrieb Royal, Bahnhofstrasse 39, 5400 Baden

 

Ein bewegender Antikriegsfilm, von nationalistischen Parteien und Verbänden als defätistische Militärkritik und als Zersetzung der Wehrkraft diffamiert, eingeführt und kontextualisiert durch die international renommierte Anglistik-Professorin und Filmexpertin Elisabeth Bronfen.

«All Quiet on the Western Front» ist ein US-amerikanischer Antikriegsfilm aus dem Jahr 1930, basierend auf Erich Maria Remarques Roman «Im Westen nichts Neues». Der Film handelt von den grausamen Fronterlebnissen des jungen Kriegsfreiwilligen Paul Bäumer und seiner Kameraden im Ersten Weltkrieg. Er gilt bis heute als einer der bekanntesten und eindrücklichsten Antikriegsfilme, ausgezeichnet mit zwei Academy Awards, dem Oscar für die beste Regie für Lewis Milestone und dem Oscar für den besten Film.

Filmkritiker in den USA und in England lobten den Film in höchsten Tönen. Der britische Telegraph etwa schrieb begeistert: «Es ist der bei weitem beste Spielfilm, der je gedreht wurde […] ob Ton- oder Stummfilm.» Im Deutschen Reich wurde der Film, wie zuvor schon das Buch, weniger enthusiastisch aufgenommen. Insbesondere die politische Rechte und die Veteranenverbände sahen darin einen Angriff auf die «Ehre des deutschen Soldaten». Das Reichswehrministerium protestierte gegen den Film, da er der Zersetzung der Wehrkraft Vorschub leiste. Deutsche Soldaten, die am Sinn ihres Einsatzes zweifelten, sollten im Kino auf keinen Fall gezeigt werden.

Die Tatsache, dass Regisseur Lewis Milestone und Produzent Carl Laemmle beides Juden waren, wurde von antisemitischen Kreisen ausgeschlachtet, um ihre Theorie einer jüdischen Verschwörung gegen das Deutschtum zu propagieren. Als der Film im Deutschen Reich in die Kinos kam, war er um diverse Szenen verkürzt. So wurden beispielsweise Szenen geschnitten, in welchen die Rekruten gegen Schinderoffiziere rebellierten und aus dem Vorspann wurden die Namen jüdischer Mitwirkender getilgt. Insgesamt verkürzte sich der Film dadurch um 53 Minuten.

«All Quiet on the Western Front» wurde aber auch in anderen Ländern geschnitten, in Frankreich etwa wurden Liebensszenen zwischen französischen Zivilistinnen und deutschen Soldaten entfernt. In Berlin kauften sich Nationalsozialisten Tickets und sprengten die Vorführungen, indem sie in den Kinos Rauch- oder Stinkbomben zündeten oder Massenaufläufe und Krawalle organisierten. Mit Verweis auf die (selber organisierten) Ausschreitungen forderte die NS-Presse ein Aufführungsverbot, da der Film die öffentliche Ordnung gefährde. Eine Woche nach der Erstaufführung wurde der Film im Deutschen Reich dann tatsächlich verboten, mit Verweis auf die von ihm ausgehenden «Gefährdung des deutschen Ansehens in der Welt», der «Herabsetzung der deutschen Reichswehr» und seiner «ungehemmten pazifistischen Tendenz». Das wiederum führte zu massiven Protesten von Kulturschaffenden und linken Parteien, worauf der Film – nach nochmaliger Kürzung – wiederum gezeigt werden konnte. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde «Im Westen nichts Neues» erneut verboten. Vorführungsverbote wurden auch in Italien, in Österreich, in der Sowjetunion und später in Frankreich erlassen. Das Filmstudio Universal brachte immer wieder neue, kürzere Fassungen des Films heraus. Schleiferszenen wurden weggelassen, kommentierte Dokumentaraufnahmen wurden eingeschnitten. Bild- und Tonveränderungen während der Zeit des Koreakrieges machten aus dem Antikriegsfilm schliesslich einen reinen Kriegsfilm.

royalSCANDALcinema zeigt den Film in seiner Originalfassung mit einer Einführung durch Elisabeth Bronfen. Bronfen ist Professorin für Anglistik am Englischen Seminar der Universität Zürich und Global Distinguished Professor an der New York University. Sie forscht zur englischsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, zu Gender Studies, Visuellen Kulturen, Kulturtheorien, Psychoanalyse und Film. In «Hollywoods Kriege. Geschichte einer Heimsuchung» setzte sie sich intensiv mit der filmischen Aufarbeitung der US-amerikanischen Kriegsgeschichte auseinander.

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